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SZTABA Die Schließung der Kunstania

Von außen konnte man nicht feststellen, wie groß die Anlage von Kunstania war. Umgeben von Feldern und  Hainen versteckte sie sich hinter einer hohen Mauer, die oft in dicken Büschen und unzugänglichen Schluchten verschwand.
     Vor dem aus massivem Holz gefertigten Tor versammelte sich eine große Menschenmenge. Die besten Plätze vorne waren schon von  Reportern und Fernsehleuten besetzt.  Denn an diesem Tag sollte, wie man in vielen Zeitungen lesen konnte, die von langem erwartete Inauguration der Kunstania stattfinden.
     Seit langem wurde es von Kunstania zwar viel geredet,  man wusste aber wenig. Aus den sporadischen Informationen (wenn es wirklich Informationen und nicht nur Gerüchte waren) konnte man erfahren, dass Kunstania eine neue Kunststiftung  mit dem Sitz in einem renovierten Schloss mitten in einer großen Gartenanlage wäre. Die Stiftung dürfte über ein überdurchschnittliches Vermögen verfügen und ihre Aufgabe sei, die Kunst zu fördern, die verborgen und vergessen wäre oder sich außerhalb der so genannten Kunstwelt befände.
     Was das bedeuten sollte, war nicht klar und gab deswegen Anlass zu wilden Spekulationen über Form und Vorhaben der Stiftung.  Man redete von hundert Ateliers für Künstler, die an einem neuen Konzept der Kunst  arbeiten sollten; man stritt schon über die Liste mit den Auserwählten. Nichts desgleichen, behaupteten andere: Kunstania wäre ein großes Museum der verschollenen Kunstwerke, wie das Bernsteinzimmer oder Bilder von Leonardo oder Rembrandt, die man schon für endgültig verloren hielt und die von den Agenten der Stiftung dennoch gefunden worden waren. Man vermutete sogar, dass die Stiftung imstande wäre, die in den Banktresoren versteckten Meisterwerke aufzukaufen und dem Publikum endlich zugänglich zu machen.
     Alle diese Träume über die unbegrenzten Möglichkeiten der neuen Stiftung wurden von den anonymen Gründer weder bestätigt noch korrigiert.

Pünktlich um 12 Uhr wurde eine Pforte im Tor geöffnet. Vor die Versammelten trat eine ältere, schlicht bekleidete Frau. Sie lächelte die voller Erwartung versammelte Menschenmenge an und stoppte mit einer beruhigenden Geste den wilden Applaus, der gleichzeitig mit ihrem Auftreten ausbrach. Ihre Rede war kurz: Die Arbeiten an der Kunstania seien schon  beendet und ihre Gestalt entspreche völlig den Vorstellungen der Gründer. Die Herbeigekommenen würden aber das Gelände nicht betreten können, denn die heutige Inauguration sei keine Eröffnung, sondern die Schließung der Kunstania!
     In der Menge wurde es still.
     Die Frau sprach weiter: „Hiermit erklären wir Kunstania zu einem Kunstschutzgebiet. Keine Kunstexperten, Kunstmanager, Kunstberater oder Kunstanimateure finden hier Zutritt. Auch keine Museumspädagogen und Kunstvermittler. Nicht mal Kunsttouristen werden hier eingelassen.
Wer also darf Kunstania besuchen? Nun, viele haben sie schon gesehen, irgendwann, irgendwo. Sie wissen, was und wie sie ist, und sie brauchen nicht hierher zu kommen. Jetzt denken Sie bestimmt an das alte Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wie man weiß, gab es sie nicht. Es war nur ein betrügerisches Spiel mit  Eitelkeit, Macht und Illusion. Dieses Spiel ist aber das Gegenteil dessen, was Kunstania ist. Dieses Spiel endet vor dem Tor. Kunstania gibt es wirklich, sie ist keine Täuschung. Wir laden einen von Ihnen in die Kunstania ein. Diese Person kann uneingeschränkt alles besichtigen und danach über alles berichten, was sich hinter dieser Mauer befindet.“
     Die Frau schaute das Publikum an und nach einer Weile ging sie auf einen jungen Mann zu, der in der ersten Reihe mit einem Notizheft in der Hand stand. Der junge Reporter war überrascht, willigte aber ein, ein Bericht zu schreiben, obwohl er, wie er beteuerte, bisher keine große journalistische Erfahrung hatte. Die Frau verabschiedete sich von den Versammelten und verschwand mit ihm hinter der Pforte.
     Man kann sich die Aufregung und Empörung des ausgesperrten Publikums vorstellen. Der Bürgermeister steckte seine nicht vorgetragene Rede in die Tasche und verließ mit seinem Gefolge den Ort. Fernsehleute packten ihre Geräte in die Alukoffer, Reporter knipsten vor dem zugeschlossenen Tor noch ein paar Aufnahmen, die am nächsten Tag die Zeitungsberichte illustrierten. „Ein schlechter Witz! - Statt Eröffnung: Schließung!“, „Hunderte von Kunstliebhabern reingelegt!“, „Das Rätsel der Kunstania“, „Kunstania: Eine arrogante Belehrung“, „Was verbirgt sich hinter der Mauer?“ - lauteten einige der Schlagzeilen.

Man wartete ungeduldig auf den Bericht des Reporters. Endlich erschien ein Artikel im Kulturteil der Regionalzeitung. Der Bericht war nicht unterschrieben, was bedeutete, dass die Redaktion das Material bearbeitet hatte. „Kunstania oder der große Humbug“, lautete der Titel.
    „Diese Wahrheit“ – las man in der Zeitung – „möchten wir unseren Lesern nicht vorenthalten: Kunstania ist keine Schmiede der modernen Kunst, ebenso wenig ist sie eine Schatzkammer der verborgenen Meisterwerke, es gibt dort nicht mal bedeutende Werke berühmter Künstler. Was ist sie also dann?
Nach dem Bericht unseres Reporters besteht Kunstania vor allem aus einer riesigen Parkanlage, die von einem Niemandsland, von Sumpf, Dickicht, kleinen Teichen und Kanälen umgeben ist. Ganz im Zentrum befindet sich das Schloss, ein sorgfältig restauriertes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, worin sich die Kunstsammlung befindet. Wenn man allerdings nicht das Glück hat, von einem Führer begleitet zu werden, wird man sich sofort in einem Labyrinth von unzähligen Sälen, Kammern, Stuben, Korridoren, Treppen und Durchgängen hoffnungslos verirren. Und eben das  ist unserem Redaktionsmitglied zugestoßen. Es gibt dort keine Orientierungstafel, keinen gekennzeichneten Rundgang. Eine Art Medien-Raum mit ein Paar aufgestellten Monitoren bringt den Besucher noch mehr durcheinander. Wie sich danach herausstellte, haben die dort ausgestrahlten Programme keinen Bezug auf die Kunstania-Sammlung. Die Sammlung gibt es tatsächlich, und sie ist auch nicht klein. Nur ist es wirklich schwer, etwas über die ausgestellten Werke zu sagen. Vor allem scheint die Exposition nicht ganz fertig gestellt zu sein. Eine Vielzahl der Räume ist leer, oder fast leer, und in den fertigen Sälen ist es schwer, einen Leitfaden zu finden. Unter den ausgestellten Werken gibt es manchmal Interessantes zu sehen, man findet aber keine, wenn nicht spektakulären, dann wenigstens bedeutenden Werke bekannter Künstler. Die Kunstania-Kunstsammlung besteht aus zweiter Auswahl der Kunstgeschichte. Im großen Saal des Mittelgebäudes befindet sich eine historische Rekonstruktion eines Theaters aus dem 16. Jahrhundert, eine Kuriosität, die leider nur eine leblose Attrappe bleibt, denn das Theater wird nicht bespielt. Mehr lässt sich über Kunstania nicht sagen. Kunstania ist noch nicht fertig, das ist die ganze Wahrheit. Die spektakuläre Schließung war nur eine Ablenkungsmaßnahme, um zu verbergen, dass es dort einfach noch nichts zu eröffnen gab.“

Dieser ernüchternde Bericht hatte seine Wirkung in der Öffentlichkeit. Das Interesse flaute ab. Es gab sogar Stimmen, die vermuteten, der Bericht sei selbst ein Teil einer großen Mystifikation.
     Niemand interessierte sich mehr für den jungen Reporter, der seinerseits nur ungern über seine Erlebnisse in Kunstania sprach, mit der Begründung, er wäre von der ganzen Sache sehr durcheinander und muss alles noch einmal bedenken.
     Den Text des eigenen unveröffentlichten Berichts steckte er in die Schublade. Als er ihn damals in die Redaktion brachte, sagte man ihm, er wäre zu lang, und vor  allem zu verworren: nicht für unsere Leser. Man schrieb ihn also neu. Der junge Reporter selbst war auch nicht ganz sicher, für wen sein Text bestimmt war, und was er eigentlich sagen wollte. Diese Bedenken drückte er schon am Anfang seines Artikels aus.

„Ich kann die Wahrheit über Kunstania nicht sagen, denn ich kenne sie selber nicht. Ich verbrachte dort viele Stunden und machte viele Notizen. Am besten schreibe ich alles so auf, wie ich es damals  dachte, wenigstens werde ich dann nichts Falsches sagen.
     Hinter der Pforte sagte die Frau, die mich zur Besichtigung der Kunstania eingeladen hatte, dass sie mich jetzt fuhren müsse, denn der Weg sei für Fremde nicht ungefährlich. Bald verstand ich, was sie damit meinte. Die Allee, die vom Tor wegführte, wurde immer schmaler und letztendlich ging man auf einem manchmal für mich unsichtbaren Pfad über ein sumpfiges Terrain. Immer wieder mussten wir die Richtung ändern, um Hindernisse - halbzugewachsene Teiche, undurchdringliches Gebüsch oder Kanäle - zu  umgehen... Bis wir zu einer Brücke kamen. Auf der anderen Seite des kleinen Flusses lag wie eine Insel der Park von Kunstania.
     Breite, bedeckte Allee führte zum Schloss. An beiden Seiten der Allee öffnete sich freier Durchblick auf die Gartenlandschaft, oder, besser gesagt, auf mehrere Gärten. Quadratische Zierbeete, Baumgruppen, Laubengänge, Obstbaum-Spaliere, von Hecken umschlossene Plätze, Teiche und Kanäle mit Springbrunnen und Wasserspielen, Figurengruppen und neue Plastiken - alles eingebunden in ein System von Quer- und Langachsen, in denen sich das Auge verlieren konnte.
     Ich fragte, warum ausgerechnet ich  zu dieser Aufgabe ausgewählt worden war, da es genug qualifizierter Leute gab, die sich sachkundiger als ich mit dem Thema auseinandersetzen konnten. Sie antwortete mir, dass ich mich, wenn ich schon zur Inauguration der Kunstania kam, doch für Kunst interessieren musste und meine geringe Erfahrung kann mir gar zum Vorteil gereichen konnte. Warum aber die  Schließung, fragte ich weiter, ob es nicht  Verschwendung wäre?   Sie sagte, dass es falsch wäre,  durch eine Erklärung meine eigenen Erfahrungen vorwegzunehmen. Ich wollte wenigstens etwas über die Gründer von Kunstania erfahren, wer sie  wären, wie und wann die Idee aufgekommen wäre, wie hoch  die Kosten der Stiftung seien. Sie lächelte: Sie könnte mir viele Namen und Zahlen sagen,  im  Grunde genommen haben sie aber keine große Bedeutung.  Ich fand diese Antwort recht arrogant: Und ob es eine Bedeutung habe, das war genau das, worauf meine Redaktion und die Leser warteten! Aber das sagte ich ihr nicht. Wir gingen schweigend weiter. Ein leichtes Unbehagen überfiel mich: Wozu brauchten sie einen Reporter, wenn sie keine Informationen preisgeben wollten? Sollte ich in diese Weise erfahren, warum Kunstania den unreifen Besuchern verschlossen bleibt?

Wir kamen auf eine große Wiese. Unweit vor mir, auf einem Hügel, stand das Schloss. Ich konnte kaum glauben, dass es dasselbe Gebäude war, das ich als Ruine auf einem Foto im Redaktionsarchiv gesehen hatte. Über den Rasen gingen wir zum Seiteneingang im linken Flügel des Schlosses.
     Die Frau machte die Tür auf. „Nehmen Sie sich Zeit. Und es lohnt sich, einen Spaziergang durch den Park zu machen. Sie werden sich bestimmt nicht verirren. Und jetzt lasse ich Sie alleine, man sieht das alles am besten, wenn man dabei nicht gestört wird“.
    
Das hatte ich nicht erwartet. Das Schoss war groß, und ich hatte keine Lust, dort alleine herumzuirren - aber das wollte ich nicht zugeben. Ich bemerkte eine Inschrift  über dem Eingang:

HIER WIRST DU DIE WELT IN EINEM HAUS  ERBLICKEN; DAS IST DER MIKROKOSMOS ODER DAS KOMPENDIUM ALLER RAREN DINGE. 

     Ich fragte, ob diese Inschrift eine besondere Bedeutung für Kunstania hätte, ob sie vielleicht ihr Motto sei? Meine Begleiterin erklärte, dass die Inschrift  unter dem neuen Putz entdeckt und freigelegt worden war, und dass der Eingang früher zur ehemaligen Kunstkammer führte. Und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Hier zu sein, ist wie in der Welt zu sein: sich die Welt zu bauen, in der Welt zu wohnen, sich in der Welt zu finden. Aber so ist es nun mal mit der Kunst - und wir haben es nicht erfunden“.
   
Sie verabschiedete sich von mir und ich trat alleine ins Gebäude.

Die ersten Räume waren leer. Ich ging weiter und noch immer passierte nichts. Alle Räume waren weiß gestrichen, der Fußboden war aus einfachen Holzdielen gemacht.  Ich lief kreuz und quer durch die Räume, mal stieg ich eine Treppe hinauf, mal hinunter. Oft stand ich in einem Zimmer mit mehreren Ausgängen, was meine Wanderung erheblich erschwerte. Ich orientierte mich nach den Ansichten durch die Fenster. Offensichtlich war ich immer noch im linken Flügel des Gebäudes, denn ich sah immer dieselben Teile des Parks, mal von Norden, mal von Süden, mal von Osten.
     Ich trat in ein Zimmer, wo sich noch etwas außer weißen Wänden befand.  Mit der Vorderseite an die Wände gelehnt standen dort mehrere  Bilder. Ich drehte  eines um und sah nur eine grundierte Leinwand. Es schien etwas durch die weiße Farbe, vermutlich war es ein erneut grundiertes altes Gemälde. Ich drehte andere um - nichts außer zum Malen vorbereiteten Leinwänden.  Im nächsten Raum fand ich, auf einem Tisch liegend, einige Bleistift-Skizzen. Bestimmt war ich in die Atelierräume der Kunstania geraten, und die eingeladenen Künstler waren zur Zeit nicht da. Die Kunstsammlung musste sich also in einem anderen Teil des Schlosses befinden.  Ich entschied, zum Anfang meines Irrweges zurückzukehren und den richtigen Weg nochmals zu suchen.
     Diesmal hatte ich mehr Glück. Ganz am Eingang fand ich tatsächlich einen Saal, den ich vorher übersehen haben musste. In seiner Mitte standen drei Kästen mit runden Öffnungen an den Vorderseiten. Ich guckte in den ersten hinein. Auf dem Bildschirm sah ich einen Saal - einen Museumsaal, mit Wänden voller Bilder, und was für Bildern - alle kannte ich aus Büchern! Und der Saal? War es nicht einer der Säle des Kunstania-Schlosses? Die Bäume, die Wiese hinter den großen Fenstern - das waren doch die mir gerade bekannt gewordenen Ansichten! Im Raum drängten sich die Besucher. Die Kamera suchte jetzt eine Gruppe von Schülern aus, die sich um ein Objekt versammelten; es war ein berühmter Ready-made vom Anfang des Jahrhunderts. Ein junger Mann, wahrscheinlich ein Museumspädagoge, erzählte etwas, heftig gestikulierend. Ich konnte seine Stimme über die Kopfhörer, die ich mir aufsetzte, hören: „.und somit wurde die banale Wirklichkeit zum Kunstwerk erhoben. Und jetzt werden wir im nächsten Saal sehen, wie die Künstler des Pop-art diese Technik weiterentwickelt haben“. Die Gerüchte von den märchenhaften Sammlungen der Kunstania waren also nicht übertrieben. Ich legte die Kopfhörer ab und eilte in die Ausstellungsräume.
     Als ich durch eine Reihe leerer Räume gegangen war, fand ich mich jedoch wieder im Saal mit den Guckkästen. Im ersten Kasten lief weiter der Rundgang durch die Exposition. Diesmal   erklärte eine Frau den Besuchern ein berühmtes Bild Van Goghs. Sie zeigte ein Diagramm mit schematisch dargestellten Kompositionsrichtungen:  ein Netz von Linien, Kreisen und farbigen Pfeilen.
     Im zweiten Kasten sah ich eine vornehme Gesellschaft, die sich vor großen, modernen Bildern versammelte. Ein Tisch mit aufgetragenen Speisen stand in der Ecke, die Bedienung servierte Champagner. Über Kopfhörer waren Fragmente der Gespräche zu hören, über die Preise der Bilder, den Champagner, die eingeladenen Gäste, die Meinungen der Kritiker. Die Kamera zeigte jetzt den Künstler, ich erkannte ihn sofort - den berühmtesten und bestbezahlten Maler der letzten Jahren. Umgeben von Reportern erklärte er seine Malerei: „Meine Kunst ist ein Ausdruck der Revolte, ohne sie gibt es keine Kunst. Statt die Kunstakademie sollte man den Schlachthof besuchen.“  Jemand in der Nähe von der Kamera sagte: „Ich fürchte, du kommst zu spät, alle Bilder sind schon verkauft.“
     Im Schloss fand eine sensationelle Vernissage statt, und ich irrte nur herum und konnte sie nicht finden! Ich versuchte es noch einmal. Nach einer Viertelstunde der  Besichtigung weißer Räume landete ich wieder im Guckkästen-Saal.
     Im ersten Kasten lief inzwischen ein anderes Programm. Ein junger Mann stand mit geschlossenen Augen in der Mitte eines Ateliers. Nach einer Weile begann er langsam und unsicher zu gehen. Er tastete sich an den Gegenständen entlang bis zu einer Wand, wo einige unbemalte Leinwände standen. Blind wählte er eine aus und kehrte,  immer wieder stolpernd, zur Mitte des Ateliers zurück, wo er die Leinwand auf dem Boden platzierte. Die ganze Zeit redete er, undeutlich; er sagte, dass die Technik nur für Kinder und Handwerker gut wäre, dass man neue Wege der Kunst entdecken müsste,  die man nicht mehr mit etwas vergleichen und beurteilen könnte. Niemand würde dann den Künstler der Naivität bezichtigen können.
     Immer mit geschlossenen Augen suchte er jetzt nach etwas in einer Ecke des Ateliers. Endlich ertastete er einen Haufen von Farbbüchsen. Er wählte eine aus, fingerte nach einem Schraubenzieher, mit dem er die Büchse öffnete. Er kehrte zur Mitte des Ateliers zurück, prüfte mit der Hand, wo die Leinwand lag und kippte mit rascher Handbewegung den Inhalt der Büchse auf die weiße Fläche. Tropfen spritzten umher, ein blauer Fleck breitete sich aus. Er hob die Leinwand auf und trug sie - immer mit geschlossenen Augen - in Richtung einer Wand. Dort hängte er - nach ein paar Anläufen - die Leinwand auf und kehrte zur Mitte des Ateliers zurück.1 Ob er die Augen dann aufmachte, konnte ich nicht erfahren, denn das Programm fing nochmals von vorne an.
     Die Vernissage im zweiten Guckkasten war bereits zu Ende. Das Bild zeigte jetzt ein anderes, sehr elegantes Atelier. Keine Bilder oder Plastiken standen im Raum, aber ich vermutete, dass der Mann, der in einem Sessel saß, ein Künstler war. Er blätterte in einem Kunstband, und auf dem Tisch neben ihm lag ein aufgeschlagener Skizzenblock. Plötzlich wandte er sich der Kamera zu und fragte: „Was für Kunst sollte man heute machen?“ Danach vertiefte er sich wieder in sein Buch.
     Ich guckte in den letzten Kasten hinein, mit vager Hoffnung, dort einen Wegweiser durch dieses Labyrinth zu finden. Das Innere des Kastens war aber dunkel. Ich wollte schon wieder weiter gehen, als ich von dem am Kasten hängenden Kopfhörer ein Geräusch vernahm. Ich setzte ihn auf und hörte eine eintönige Stimme: „3 Meter mal 3 Meter mal 3 Meter. Holz schwarzlackiert, Spannplatten 16 Millimeter stark, zusammengeschraubt und geklebt mit Ponal Express. Ordnung, Maß und Harmonie, die Schönheit ist objektiv“. Das schwarze Bild veränderte sich. Oben und an den Seiten erschienen weiße Streifen, die sich vergrößerten.  Ein langsames Zoom brachte allmählich einen großen Raum zur Schau, mit einem riesigen schwarzen Kubus in der Mitte. Nach einer Weile fuhr das Zoom vor, etwas schneller, und das Bild wurde wieder schwarz.
     Ich war müde und hatte genug von Kunst und Kunstania. Im Zimmer nebenan war es dunkel. Ich setzte mich in einen bequemen Sessel, und als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich, dass am Ende des Zimmer eine kleine Bühne aufgebaut wurde. Auf der Bühne stand ein Tisch, und auf dem Tisch ein ganz einfacher Stuhl. Nur ein sehr schwacher Lichtstrahl beleuchtete die Szene.
     Ich glaube, ich bin eingeschlafen. Ich erinnere mich nur noch an eine Stimme, die fragte: „Warum leuchtet dieser Stuhl, warum schimmert er in der Dunkelheit?“. Danach folgte eine Geschichte, ein Märchen eher, etwas was man Kindern vor dem Einschlafen erzählt, über einen kostbaren Stuhl aus dem edelsten Material, auf dem eine fernöstliche Prinzessin saß.2
    Auf der Bühne fand ich einen Zettel mit handgeschriebenem Text: „.alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich. Zeit und Raum existieren nicht. Auf einem unbedeutenden Grund der Wirklichkeit spinnt die Einbildungskraft weiter und webt neue Muster“.3 Die Worte berührten mich seltsam, waren wie eine Herausforderung, mit der ich aber nichts anzufangen wusste. Ich steckte den Zettel in die Tasche und ging weiter.
     Einer nach dem anderen eröffneten sich jetzt vor mir Säle in einer Flucht. Manche Zimmer standen fast leer, nur mit einem Tisch mit ein Paar Büchern, oder einer Bank am Fenster, von dem aus man den Garten sehen konnte. Manche waren überfüllt mit Bildern und Plastiken, in manchen gab es nur einige Objekte, Vitrinen mit verschiedenen Gegenständen und Zeichnungen. Es waren alte und neue Werke, und ich hatte sie niemals vorher gesehen und wusste auch nicht, wer  die Künstler waren, denn es fehlten die Etiketten mit deren Namen.
     All das erinnerte an einen Garten, den man nach seinen eigenen Regeln wachsen ließ. Die Räume wurden wie von Dingen bewachsen oder wie das Ufer mit dem Strandgut bedeckt. Manchmal konnte ich die Zimmer nur mit größter Vorsicht durchqueren, aufpassend, dass ich die herumliegenden, kostbaren und zerbrechlichen Objekte nicht beschädige. Es schien mir, dass einige Räume gewisse Formen sammelten, andere Materialien, andere wiederum Geschichten; meistens aber trafen die Sachen nach eigenen Prinzipien zusammen, die ich nicht durchblickte.
     Die Flucht der Zimmer endete in einem riesigen Saal, sicherlich dem ehemaligen Festsaal. Er war sehr hoch und hell, mit großen Fenstern an beiden Seiten. In der Mitte erhob sich ein seltsames Gebäude, eine Art Amphitheater aus Holz; es bestand aus sieben Reihen, die man mittels eines Systems von Treppen und Durchgängen erreichen konnte. Die in Nischen gegliederten Wände waren mit geschnitzten und gemalten Darstellungen verziert. Die Nischen ließen sich öffnen: hinter kleinen, auf den ersten Blick unsichtbaren Türen verbargen sich weitere Bilder, Objekte und Bücher. Auch unter den hochklappbaren Banken fand ich verschiedene Gegenstände. Wozu das alles diente, wusste ich nicht. Erst beim Verlassen des letzten Ranges bemerkte ich eine kleine Tafel mit der Inschrift: „In einem Theater der Erinnerung wollte Giulio Camillo dem Gedächtnis eine magische Kraft verleihen. Es genüge dazu, behauptete er, in den Kreis seines Theaters einzutreten. Die originale Architektur Camillos verscholl bald nach ihrer Errichtung, und sein Theater wurde vergessen. Diese hier ist eine Rekonstruktion der vermutlichen Gestalt des Theaters“.
     Ich kam mir zwar lächerlich vor, dennoch stellte ich mich in die Mitte des Theaters, und ließ seine Magie auf mich einwirken. Im meinem Gedächtnis passierte aber nichts. Sollte ich vielleicht an etwas denken, wie beim Kartenlegen? Woran denn? An die erste Liebe?
     Ich verließ den Theatersaal. Die Räume wurden wieder immer leerer. Endlich stand ich in einem ganz grünem Zimmer. Ich war schon draußen: das Zimmer war eine Pergola, und die Wände waren aus Laub. Durch eine Öffnung sah ich die Fassade des Schlosses.  In der Mitte, hinter den größten Fenstern, meinte ich die undeutliche Gestalt des Theaters zu erkennen. Nicht ohne Grund, dachte ich, hatte man das Theater im Herzen der Kunstania aufgebaut. Ob es wirklich magische Kraft  besitzt, ist nicht so wichtig. Auf jeden Fall ist es ein seltsames Denkmal, das man dem Gedächtnis aus der Materie des Vergessens gebaut hatte.“

Nach vielen Jahren, als Kunstania kein Thema mehr war, veröffentlichte der nun nicht mehr junge Reporter seine Notizen in einem Literatur-Magazin. Seinem alten Bericht fügte er auch einige neue Fakten und Bemerkungen hinzu:
     „Je mehr  Zeit seit meinem Besuch in Kunstania vergeht,  desto lebendiger ist meine Erinnerung an sie. Ich erinnere mich genau an Gegenstände, an Bilder, an Säle, an die langen Wanderungen durch den Garten, auch an die Geschichten, die ich hörte las.  Ich verstehe nicht, warum ich sie in meinem ersten Bericht nicht einmal aufgeschrieben habe.
     Ich erinnere mich besonders gut an meinen letzten Tag in Kunstania. Vor der Abreise kam ich noch in ein Zimmer, wo ich oft verweilt hatte. Auf dem Tisch lag ein Buch, ich fing an, darin zu blättern und fand die folgende Geschichte:

Seit einiger Zeit pflegte er ein Tagebuch zu schreiben, wobei er eine eigene, einzigartige Methode erfand. Während des Tages notierte er in Stichworten oder machte  Skizzen von allem, was ihm interessant, ungewöhnlich und schön vorkam, sei es ein Satz, ein Gedanke, ein Wortspiel, ein Bild, eine Ansicht, ein Projekt oder eine Begebenheit.
     So weit es möglich war, versuchte er seine Notizen sofort zu machen. Sogar während eines Gesprächs entfernte er sich für eine Weile, um es aufzuschreiben.
     Spät am Abend, vor dem Schlaf, las er die Notizen nochmals durch und wählte nur eine aus der ganzen 'Tagesbeute' aus, die er dann in ein anderes Heft eintrug.  
     Gefragt, ob er nie etwas von seinem Leben ins Tagebuch schriebe, antwortete er, sein Leben liege zwischen den beiden Notizbüchern
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1. Nach: Pier Paolo Pasolini, Teorema oder die nackten Füße, München  1969, S. 135-136, 142f
2. Nach: Ingmar Bergman, Fanny und Alexander, Knaur Verlag,  München, S. 50-53
3. August Strindberg, Ein Traumspiel