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Heidi Riehl
Zeichnungen


 

Wojciech Sztaba
Rest-Bilder

Photographen sprechen von Restlicht-Aufnahmen im Halbdunkel, auf der letzten Stufe der möglichen Beleuchtung, die die Kamera noch registriert, ohne dazu einen Blitz zu benötigen.
Der Rest eines philosophischen Systems, schreibt Schopenhauer, besteht aus Phänomenen, die das System nicht in seinem Rahmen erklären vermag, die sich nicht – ohne Rest eben – in das System integrieren lassen, und die dem System das Spiel verderben. Der Rest warnt somit vor dem Glauben an die alles erklärende Kraft der Systeme.
Der Rest ist das, was nicht im Dividieren des Ganzen in die Teile eingeht, was nicht mehr gebraucht wird, was nicht am Hauptereignis teilnimmt, was weggeworfen wird und was sich nicht aufzubewahren lohnt.
Der Rest und die Reste bestimmen das Feld, auf dem Heidi Riehl ihre Zeichnungen macht. Man kann und sollte es wörtlich, aber auch metaphorisch verstehen.

Das Papier, das Heidi Riehl benutzt, besteht aus gefundenen Resten, aus in Supermärkten entdeckten Verpackungspapieren, die ihre Aufgaben schon erfüllt haben und jetzt nur auf Entsorgung warten.
Gewiss, Fachläden bieten Künstlern ausgesuchte, noble und kostbare Spezialpapiere an. Aber die „armen“ Papiere von Heidi Riehl, diese Papiere, die „irgendwelche“ sind und ohne das „Zeichenpapier“-Prädikat, beinhalten etwas, das die anderen, die Professionellen nicht tun – sie werden gesammelt, werden vor dem Verschwinden gerettet und eröffnen die Möglichkeit, das Verworfene, das Nichtswürdige, das Ignorierte, den Rest eben, zum Feld neuer Qualitäten zu machen, wo auf einmal alles zählt.
Dann wird vieles, was eigentlich bisher belanglos war, plötzlich doch wichtig: Man merkt, dass es keine formatierten Blätter, sondern Papierfragmente sind, die entweder abgerissen oder zugeschnitten wurden; dass der Schnitt gerade oder etwas hastig, schräg ist, und dass manchmal dem Stück eine Ecke fehlt.
Die Ränder sind scharf und glatt oder ausgefranst, was dramatischer ist als die herkömmlichen Bütten-Ränder. Die Materialität ist hier stets anwesend und wird nicht verheimlicht. Die grobe, körnige, raue Oberfläche weist auf das Leben der Dinge hin und nicht auf die zeitlose Kunst, die länger als das Leben sein dürfte. Hier wird daran erinnert, dass der Träger der Kunst, das Papier, erbleicht, vergilbt und auseinanderfällt. Und gleichzeitig ist das Vergängliche, das Materielle ein kostbarer Stoff der Kunst, den Heidi Riehl in die Farben der Landschaft, in die scharfe Linie des Horizonts oder in einen Berghang umwandelt.



Die Zeichnung selbst - die Striche, die Farbflecken - besteht aus Resten der Zeichen, der zeichnerischen Gesten, die gewöhnlich der „Beschreibung“ der Gegenstände dienen. Hier machen die Zeichen-Reste die Objekte gerade noch erkennbar: An der Schwelle der Lesbarkeit, zwischen der Dunkelheit und dem Licht, wo die Bilder, schon durch die Vorstellungskraft ergänzt, undeutlich schimmern. Das, was Heidi Riehl durch ihre Bilder zeigt, sind Fragmente der Augenblicke, der Momente der Wahrnehmung. Wir treffen hier Menschen in erstarrten Posen, Landschaften, Berge, Bäume, Häuser, vielleicht auch Straßen, vielleicht das Meer und Strand. Auch Bilder zum Totentanz gehören dazu, als ob das Thema, das zwischen der irdischen Materialität und dem Metaphorischen wandelt, selbstverständlich an diesem zeichnerischen Werk teilnähme.
Die eigenartige Spannung, die man während der Betrachtung dieser „Reste“ empfindet, entsteht gleichsam in Gedanken und Gefühlen: Wenn das Objekt des Sehens rekonstruiert und das Bild mit allen seinen Schwingungen darin entdeckt wird, wenn das Ganze sich aus der Vielfalt der kleinen Beobachtungen zusammenfügt. ... Und wenn man dann zum Anfang zurückkommt, auf das mit Strichen und Farbflecken bedeckte Papierstück.

Januar 2011

Heidi Riehl, geboren 1945 in Teplitz.
Studium: 1973 - 1978 an der Staatl. Hochschule für Bildende Kunst Frankfurt am Main. Vorbild: Karl Bohrmann, Lehrer: Johann Georg Geyger. Ausstellungen in: Frankfurt/M., Wiesbaden, Offenbach, München, Worms
und Athen.



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