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SZTABA Witkacy. Die Reine Form und metaphysische Gefühle
oder über die „artgerechte“ Kunstbetrachtung

Vor fast 100 Jahren verfasste der polnische Maler, Schriftsteller, Fotograf, Philosoph und Kunsttheoretiker Stanislaw Ignacy Witkiewicz, genannt Witkacy (1885-1939), ein ästhetisches System, mit dem er die wesentliche Kunst und ihren Sinn zu erklären versuchte. Damals hat man ihn nicht verstanden, heute scheint die Theorie überholt zu sein: Sie stützt sich nämlich auf zwei Begriffe, die für Witkacy die wahre Kunst ausmachen: die „Reine Form“ (groß geschrieben!), die die Struktur des Kunstwerkes beschreibt, und die „metaphysischen Gefühle“, die das künstlerische Schaffen und die Kunstbetrachtung begleiten ... Beides sind Begriffe, die wir heute, wie es scheint, nicht unbedingt brauchen und die, darüber hinaus, sogar unerwünschte Assoziationen wecken können: Die Reine Form erinnert an die modernistischen Feingeister, Kunst-Puristen und die diktatorische Herrschaft der Abstraktion, und das Wort metaphysische Gefühle droht die Kunst von der Nähe zum Leben zu entfernen.

Der Primat der Form ist gewiss keine neue Idee, eigentlich ein Echo der Großen Theorie der Griechen, die besagt, dass das Wesen der Kunst in der Anordnung der Elemente liegt. Kann diese Idee heute das mannigfaltige Bild der Kunst erklären? Vor Hundert Jahren war sie ganz nützlich, um die neue Kunst von naturalistischen Klischees und ausufernden literarischen Inhalten abzusetzen. Aber in unseren Zeiten des offenen Kunstwerks, wo die Form sich nicht von Anfang an dem Betrachter als etwas Abgeschlossenes, Fertiges darstellt, in der Art, wie ein an der Wand hängendes Bild es tut? Wenn sich die künstlerische Aktivität nur in Ideen, Konzepten, in Impulsen, in Prozessen äußert? Was dann – wo ist die Form, ihre Teile, ihre Ganzheit?
Hat aber ein Gedanke keine Form? Er kann doch ausgesprochen oder aufgeschrieben werden, man kann ihn gestalten, in Schrift setzen, er kann am Ende, am Anfang oder in der Mitte stehen. Die Form wird auch heute nicht einfach aus der Kunst verschwinden, auch in der Flüchtigkeit und Unbestimmtheit der heutigen Kunstformen gibt es immer eine Erscheinungsform (auch wenn sie im Kopf ergänzt sein sollte), die mit im Spiel ist. Die Frage eher ist: Ist die Rolle der Form weiterhin für die Kunst so prägnant, wie die alten Theorien behaupteten?
Die Kunst hat immer eine Form, auch wenn es die unsichtbare Form eines Konzepts ist. Zweifel erscheinen erst mit der Wiederkehr des alten Wettstreits der Gegensätze: Was ist wichtiger – Form oder Inhalt? Eine lähmende, fruchtlose Diskussion, die Witkacy auf seine Weise zu umgehen versuchte. Er argumentiert spekulativ, wie alle seine Theoretiker-Zeitgenossen, aber verliert nie das direkte Ziel vor Augen: das erlebte Kunstwerk. Er will nicht die Inhalte, Themen, Darstellungen einfach aus der Kunst verbannen, obwohl er ihnen eine untergeordnete Rolle zuweist. In seiner Auslegung des Streits ist der Inhalt nicht beliebig und austauschbar, er gehört zur Form, die Geschichten, Narrationen, sind Teile der Erscheinung eines Bildes, tragen zum Aufbau der Spannungen und Richtungen bei, und führen, wie Arterien, das Auge, Emotionen und Gedanken beim Lesen des Bildes. Die Theorie der Reinen Form lässt die Form nur in Begleitung des Gefühls zur Geltung kommen. Sie ist keine spekulative, sondern eine auf der Erfahrung eines Künstlers aufgebaute Theorie. Im metaphysischen Gefühl, sagt Witkacy, wird das Kunsterlebnis vollbracht, die Form wird zum Leben erweckt. Aus diesem Gefühl entspringt die Kunst, der Künstler transformiert es zur Form, und die erwacht im Betrachter wieder zum Leben.
Das metaphysische Gefühl erfährt man nach Witkacy sowohl im Leben wie in der Kunst immer dann, wenn man die Einheit des eigenen „Ichs“ empfindet und zugleich dieses „Ich“ in der Vielfalt der ganzen Welt „eingebettet“ spürt (gewiss kein Begriff Witkacys, aber ich glaube, er würde ihn verwenden). Es ist kein übernatürliches, sondern ein durchaus irdisches Gefühl, obwohl nicht einfach zu beschreiben – dazu eignet sich am besten eine poetische, metaphorische Sprache. Als ein psychophysisches Phänomen gehört es nicht zur Sphäre der Ideen, des Spekulativen, sondern ist psychologisch verankert und erscheint auf einem komplexen kulturellen und individuellen Hintergrund, der immer „mit im Spiel“ ist.
Witkacy verwendet abwechselnd noch drei Synonyme, die den Begriff umkreisen: „das Geheimnis des Seins“, „die Seltsamkeit des Seins“ und „das Gefühl der Ich-Einheit“. Alle vier drücken ein „formales“ (nicht abstraktes!) Zeit-Raum Gefühl aus, das sogleich psychisch wie sinnlich erfahrbar wird. Witkacy beruft sich hier auf die, wie er sie nennt, „inneren Empfindungen des Körpers“, auf das Phänomen, dass z. B. durch das Auge ein Objekt in Gedanken berührt wird. „Das ursprüngliche Bewusstsein ist das Bewusstsein des Körpers“, schrieb er. Man denkt hier an die Untersuchungen der Gehirnfunktionen, die heute die Beobachtungen Witkacys bestätigen. In diesem Sinne berührt das Gefühl „des Geheimnisses des Seins“ innerlich die Grenze der Erkenntnis; „die Seltsamkeit des Seins“ ist ein Gefühl über die gegebenen und möglichen Formen der Existenz, in die wir geworfen sind und sein könnten; „das Ich-Gefühl“ sagt direkt über das Empfinden der Vielfalt im eigenen Körper aus; und das metaphysische Gefühl gründet auf der Erfahrung, die wir machen, wenn wir mental die Grenze des „Ich“ überschreiten.
Man kann dieses Gefühl nur in Selbsterfahrung kennenlernen: Witkacy empfiehlt die Introspektion, die Beobachtung der eigenen Empfindungen als „tägliche Übung”. Das metaphysische Gefühl begleitet die Fragen, die wir uns oft stellen:
"Warum bin ich es und kein anderer? Und warum bin ich ausgerechnet an dem Ort des unendlichen Raums und in dem Augenblick der unendlichen Zeit? Und warum existiere ich überhaupt? (...) Die metaphysische Unruhe im reinen Zustand kommt manchmal vor, während man einschläft oder man aufwacht, wenn noch keine fertige Vorstellung des kommenden Tages eingedrungen ist in das geheimnisvolle Dickicht unseres Bewusstseins. Man kann auch das Gefühl abrufen, wenn man sich in die astronomische Unendlichkeit des Raums hineindenkt."1

Wenn ich also ein Bild betrachte, dieses, wie Witkacy sagte, „metaphysisch ausgesonderte Stück Materie“, dürfte seine Form in mir einen ähnlichen Gefühlszustand hervorrufen wie denjenigen, den ich beim Denken über die „ewige Stille des unendlichen Raums“ empfunden habe ... Ist es wirklich so? Witkacy zwingt uns, unsere eigene Kunsteinstellung zu überprüfen, stellt uns eine Gretchenfrage: „Was verstehst du eigentlich unter Kunst?” Also noch mal: Was fühle ich vor einem Bild? Unter allen Gefühlen, die ich dann empfinde, kommt eines immer wieder, das vielleicht dem, welches Witkacy meinte, nah ist. Ein unbestimmtes Gefühl an der Grenze des Verstehens, zwischen Wahrnehmen und Erklären, zuerst ohne Namen, aber real spürbar: der Anwesenheit des Bildes, seiner Offensichtlichkeit, die sich durch die Formen, Farben aber auch durch Darstellungen – Gegenstände, Personen, Räume und Handlungen – manifestieren. Witkacy nennt es manchmal das Gefühl einer „Soheit“. Es wird nicht vom Verstand gesteuert, eher klingt in ihm das Echo des gesehenen Bildes nach – im Bewusstsein, in den Sinnen, in den „inneren“ Empfindungen.
In der Literatur findet man Annäherungen an den Zustand der „Soheit“, wie in die Geschichte von Lord Chandos, erzählt von Hugo von Hofmannstahl. Der Lord verliert eines Tages die Fähigkeit, die Welt in Worten, in Begriffen zu erklären und urteilen. Stattdessen entdeckt er in sich eine ihn beunruhigende aber auch faszinierende Gabe, Momente des Ein-Seins mit der Welt wahrzunehmen:
"Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden. Jeder dieser Gegenstände und die tausend anderen ähnlichen, über die sonst ein Auge mit selbstverständlicher Gleichgültigkeit hinweggleitet, kann für mich plötzlich in irgendeinem Moment, den herbeizuführen auf keine Weise in meiner Gewalt steht, ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen, das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen. (...) wenn ich an einem anderen Abend unter einem Nussbaum eine halbvolle Gießkanne finde, die ein Gärtnerbursche dort vergessen hat, und wenn mich diese Gießkanne und das Wasser in ihr, das vom Schatten des Baumes finster ist, und ein Schwimmkäfer, der auf dem Spiegel dieses Wassers von einem dunklen Ufer zum andern rudert, wenn diese Zusammensetzung von Nichtigkeiten mich mit einer solchen Gegenwart des Unendlichen durchschauert, von den Wurzeln der Haare bis ins Mark der Fersen mich durchschauert, dass ich in Worte ausbrechen möchte (...) als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken."

Solche Gedanken kommen im Kontakt mit Kunstwerken vor, zwar nicht immer und nicht wie gerufen, sie sind eher rar und etwas seltsam, ich habe sie z.B. beim Lesen der japanischen Haikus, beim Betrachten der Videos von Bill Viola, Fotografien von Jeff Wall oder beim Sehen und Hören der Stücke für präpariertes Klavier von John Cage und bei der Lektüre seines „Silence“ ... Die Spannung und die Ruhe wechseln, es ist wie ein großer Reigen der Reinen Formen, die alle an einem seltsamen Austausch teilnehmen zwischen der Zeit und der Materie, dem Empfinden des eigenen Lebens und des Lebens der Welt. Die Kunst, sagte mal Witkacy, ist eine Pille des Geheimnisses des Seins ...
Die Theorie der Reinen Form bietet eine besondere Art, Kunst zu erleben, die analog zu Musik oder Ballett nach dem Einsatz des ganzen „Resonanz-Körpers“ verlangt – als ob man ein Bild „hören“ oder „tanzen“ könnte. In solcher Erfahrung empfinden wir Kunst direkt, bevor sie durch kunstwissenschaftliche Erkenntnismodelle und Vergleiche mit anderen Kunstwerken vermittelt wird. Gewiss, es ist nicht die einzig richtige Art, Kunst zu sehen und zu verstehen, es gibt viele verschiedene Betrachtungsarten, die verschiedene Zugänge bieten und sich dabei nicht gegenseitig ausschließen. Die Methode Witkacys des Kunst-Empfangs scheint jedoch besonders „artgerecht“ zu sein, weil sie die Erscheinung der Form, die am Anfang jeder Kunstwahrnehmung steht, zur Schlüsselerfahrung erklärt.

Wojciech Sztaba, Dezember 2009

1. S.I.Witkiewicz, Nowe formy w malarstwie i wynikające stąd nieporozumienia, (in: ) Pisma filozoficzne i estetyczne, Warszawa 1974, S. 9 (Übersetztung: W. Sztaba)
2. Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Prosa II. Hg. v. Herbert Steiner. Frankfurt [S. Fischer] 1976.

in: BTZ Almanach 5, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Ludwigsburg 2010, S. 51-53

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