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Simulationen

Dirk Haupt und Oliver Herrmann
Im Kunstraum Morgenstrasse, Karlsruhe

Ausstellungsansicht



Der Galerieraum ist klein, man steht in der Mitte in einem virtuellen Dreieck zwischen drei Objekten, in einer Zone, wo die Realität durch Bilder ersetzt wird, dem Titel der Ausstellung, „Simulationen“, entsprechend.

Das Erste ist eine Arbeit von Oliver Herrmann: Von der Decke hängt an einem Kabel ein gerahmtes Bild einer Glühbirne. Das Lampen-Bild leuchtet mit der Stärke eines LCD-Displays, was an schwach beleuchtete unheimliche Tatort-Räume erinnert. Ein Licht, das Licht simuliert – eine Aufklärung in der Zeit der digitalen Bildrahmen. Und dann ist noch diese lateinische Inschrift auf der Wand, perspektivisch so gesetzt, dass sie an einer Höhe mit der „Lampe“ erscheint, das Auge zu ihr führt. Es ist kein „richtiger“ Text, er simuliert nur einen Text: mit „Lorem ipsum dolor sit amet“ fängt ein Blindtext an, den die Schriftsetzer seit 1600 für Druckentwürfe verwenden, ein inhaltsirrelevanter Platzhalter, bei den heutzutage fehlenden Lateinkenntnissen sowieso. Aber was, wenn man seine Bedeutung erfährt? Dass die verstümmelten Wortfragmente ursprünglich aus einer Abhandlung von Cicero über Ethik stammen: „Es gibt niemanden, der den Schmerz selbst liebt, der ihn sucht und haben will, einfach, weil es Schmerz ist“?
Nun – denkt man dabei an das Verhältnis der Simulation zur Realität, dann passiert etwas Seltsames: Es ist die Simulation selbst, die zurück zum Leben, zum Körper führt, als ob es notwendig wäre, im Schmerz die Erfahrung zu „erden“ – so, wie es Wittgenstein bei seinen philosophischen Fragen getan hatte.

Das zweite Objekt ist eine Videoprojektion, auch von Herrmann: Aus dem schwarzen Hintergrund tauchen fünf Hände auf; als wären sie Marionetten in einem Stück des Schwarzen Theaters, das von anderen, unsichtbaren und schwarz verhüllten Händen vorgeführt wird. Wie Marionetten mimen sie das Leben auf diesem wie ein Triptychon aufgebauten Bild: In der Mitte zwei verflochtene Hände, bewegungslos, an beiden Seiten nur einzelne, und zwar nur die linken, die sich durch minimale Bewegungen von einem Standbild unterscheiden. Und dann, ab und zu, erscheint für einen Augenblick die fünfte, rechte Hand über der linken, in einer angedeuteten, unterbrochenen Geste – und verschwindet sofort in der Dunkelheit. Das ist die ganze Dramatik dieses Stücks: ein stummes angespanntes Dreier-Gespräch, geführt in Zeichensprache. Worüber? Auch hier gibt es einen verborgenen Kontext, ein Insider-Wissen: Die Hände hat der Künstler aus Videomaterial extrahiert, das Sporttrainer während eines Spiels zeigt. Aber ist das wichtig?

Als dritter Protagonist in diesem Kunst-Gespräch tritt eine Arbeit von Dirk Haupt auf: Es ist eine Wandmalerei, die in der Ausstellung eine Schlüsselrolle spielt. Der Künstler hat auf der Wand ein Grasfeld gemalt oder, besser gesagt, es mit Farbe und Schablonen gepflanzt: ein Halm neben dem anderen, so wie es in der Natur ist, in Reihen, übereinander und versetzt ... Man sieht die Methode, die einzelnen Striche, dann die Gruppen, dann das Ergebnis: das im Wind schwebende Gras. Es scheint, dass die Simulation in dieser Arbeit tatsächlich das Hauptthema ist, hier wird sie aufgedeckt, mitsamt Ebenen der Illusion und dem „Hin- und her“ zwischen Kunst und Realität um den Nachahmungseffekt zu prüfen: ein Kunststück, ein trompe l’oeil, das hohe Kunstfertigkeit verlangt, eigentlich eine Arbeit für ein starkes Bildbearbeitungsprogramm, das aus einzelnen Zeichen ein natürlich aussehendes Chaos zaubert – hier in Handarbeit vollbracht.
Man würde also bei der Kunst bleiben ... wäre dann nicht die Entscheidung, die das Projekt doch zurück ins Leben führt. Das gemalte Grasfeld wird nach dem Ausstellungsende einfach mit Wandfarbe überstrichen, wird verschwinden, wie das Gras vom letzten Jahr, denn das simulierte Gras vertrocknet nicht und die weiße Farbe ist sein natürliches Ende. Die nüchterne, praktische Maßnahme ist gleichzeitig ein Opfer. Das Schöne, das Kunstvolle wird einfach zerstört. Das ist die höchste Stufe der Simulation, die sich selbst demontiert. Es bleiben Skizzen am Eingang der Galerie, die Formeln zur nächsten Aufführung der Simulation enthalten.

Das sind einige der Geschichten, die man, wie moderne Allegorien des Scheins, anhand dieser Arbeiten im Simulationen-Dreieck erzählen könnte. Oder erst anfangen könnte zu erzählen, wenn man die Ansicht vertritt, die Simulation sei die Metapher der Kunst schlechthin.

Wie auch immer. Es gibt noch etwas Wichtiges zu berichten: über die Einfachheit und Ökonomie der Mittel der Präsentationen, über die erzeugte Spannung, über die gefühlten Verbindungen und über diesen Moment der Stille, der die Kette der Fragen durchtrennt. Ohne das gäbe es die Erzählungen nicht.

Text & Fotos: Wojciech Sztaba

Ausstellung kuratiert von Martin Heus und Jacob Birken
Kunstraum Morgenstraße, Morgenstraße 45, Karlsruhe
15. Januar – 7. Februar 2010

www.morgenstrasse.de

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