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Damar Der liebe Goethe

Ausstellungsansicht

Jahrelang habe ich mit Paula ab und zu auf der Straße geredet, so wie Nachbarn es machen, aber erst neulich erwähnte sie ihre Sammlung von Plüschtieren, und auf einmal fand ich mich in ihrem Keller, weil ich nicht glauben konnte, was sie mir erzählte, dass sie dort Hunderte von Plüschtieren aufbewahre. Und doch gibt es dort Hunderte von ihnen, und wie sie mit ihnen redete, alle ihre Namen und Spitznamen, alle ihre Lebensgeschichten brachten mich zum Lachen, die ganze Zeit lachte ich laut. Paula störte es nicht, lach, wenn du möchtest, ganze Tage bleiben sie hier, entfernt von meinem Mann, der ihre Anwesenheit nicht ertragen kann, und sie sehnen sich nach Lachen.

Während mehreren Wochen fühlte ich mich verpflichtet, auch Paula etwas zu zeigen, was ich nicht jedem zeige, und endlich habe ich sie eingeladen. Schon bei der dritten, vierten Spielkarten-Collage wurde sie sehr unruhig, und um sie ein bisschen zu unterhalten, erzählte ich über Karten, von wem ich sie bekommen habe, oder aus welchem Land sie sind, es schien sie nicht besonders zu interessieren, und bei Collagen aus Kinderkarten mit Bambi, Katzen oder Bären war ihr Gesicht angespannt und die Stirn gerunzelt.

Dann standen wir uns eine Weile gegenüber, bis ich sagte: Setz dich. Möchtest du Kaffee? Sie setzte sich an den Tisch, wo ich immer sitze und fragte: Aus welchen Karten wirst du jetzt ein Bild machen? Bevor du kamst, war ich gerade dabei, ein Muster auf dem Tisch so zusammenzulegen, wie ich es danach auf den Karton kleben werde. Ich hob den weißen Karton an, der genau vor ihr lag. Das Muster war nur aus halbierten Rückseiten mit einem Wappen mit Streifen und einem Löwen gebildet. Daneben lagen vier noch nicht zerschnittene Asse und eine Karte mit dem jungen J.W. von Goethe als Unter, das ganze Skatspiel wurde original gestaltet nach dem Motto: „Leipzig im Barock“. Als ich Paula verließ, war sie über den Tisch gebeugt, und als ich mit dem Kaffee zurück kam, lehnte sie sich zurück, hielt diese fünf nicht halbierten Karten in ihren gefalteten Händen, die auf ihrer Brust ruhten.

Solche interessanten Karten, sagte sie, darf ich mir den Rest von unten ansehen? Sorgfältig deckte sie jedes Stück halb auf, und flüsterte noch dazu: wer war Breitkopf, wer war Hiller, oh, Hallisches Tor, wo ist der zweite Teil vom Gewandhaus. Und es tat mir so leid, dass ich ohne Zögern alle Karten zusammenhäufte, sie umdrehte, und ihr in die Hand gab, schau dir sie ruhig an. Von der Herz-Zehn mit der Thomaskirche angefangen, hatte sie schnell alle berühmten Persönlichkeiten und alle bedeutenden Gebäude von Leipzig im 18. Jh. ordentlich aufgebaut. Warum hast du nicht den Bach auch verschont? fragte sie. Er ist doch nicht weniger bekannt als Goethe... Am Ende wird Goethe auch zerschnitten - lachte ich, aber sofort bemerkte ich Enttäuschung in Paulas Augen.

Jetzt schob sie mit einer Handbewegung zueinander passende Teile, die dennoch keine richtigen Karten mehr waren, in meine Richtung und nahm wieder fünf ganze Karten auf. Goethe..., sagte sie, der liebe Goethe... Hast du viel von ihm gelesen? fragte ich. Sie berührte langsam und sanft die doppelte Gestalt auf der Karte. Nein, nur in der Schule, aber er ist doch der Goethe... Hatte er besonderes Interesse an Spielkarten, an Spielzeug? Sie legte vier Asse in einer Reihe auf den Tisch und untersuchte die Zeichnungen, mit denen sie verziert waren.

In „Farbenlehre“ schlägt er vor, eine Spielkarte als Beispiel für eine Übung mit dem Spiegel zu nehmen, sicher spielte er manchmal und erwähnte es in Briefen, sagte ich und plötzlich wurde mir bewusst, dass während der ganzen Zeit mit mir Paula kein einziges Mal laut lachte, abgesehen von ihren unsicheren, höflichen Lächeln. Sie schaffte es, aus allen Assen eine Pyramide aufzustellen, sagte: und jetzt oben der liebe Goethe, und legte die Karte flach auf die Spitze. Ich bringe dir eine Menge Karten, und wenn du möchtest, kannst du ein ganzes Schloss bauen - sagte ich, aber Paula sprang von ihren Stuhl auf und sagte, nein, nein, ich muss schon nach Hause und vorher noch für eine Minute meine Plüschtiere besuchen.

März 2005