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SZTABA Herrn Gutekunsts Notizen über den alltäglichen Gebrauch von Bildern und anderen Erscheinungen

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Das erste Heft

Herr Gutekunst stellte sich hinter eine große Gruppe von Besuchern, die den Worten des Museumsführers aufmerksam zuhörten. Auch Herr Gutekunst hörte zu; er wusste, dass die Aufgabe des Redners nicht leicht war: wie sollte man denn Leuten ein abstraktes Bild erklären?
„Sehen Sie diese rote Fläche, sehen Sie, wie intensiv sie leuchtet … und jetzt vergleichen Sie sie mit der Fläche auf dem Bild da drüben“. Alle folgten dem Finger Museumsführers, drehten sich um und starrten plötzlich Herrn Gutekunst an.
„… auf dem Bild da drüben“, wiederholte der Museumsführer.

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Man könnte Herrn Gutekunst als naiven Theoretiker bezeichnen. Seine Sprache ist nicht wissenschaftlich strukturiert und artikuliert, die Sätze sind zu kurz, und die Gedanken enden oft ohne die Schlussfolgerungen zu erreichen. Seine Art der Kunstbetrachtung passt nicht zu intensiven wissenschaftlichen Kunstforschungen und zu vertiefter Arbeit an Begriffen. Herr Gutekunst misstraut Begriffen und Definitionen, weil sie, wie er sagt, immer etwas zu gewinnen versuchen.
Eine der Methoden von Herrn Gutekunst ist der Spaziergang. Wenn er denkt, er bliebe schon lang genug an einem Platz, dann geht er einfach weiter. Ich will kein Verortungsspezialist sein, sagt er. Er durchstreift das Feld der Kunst auf alten Pfaden und tritt neue, eigene aus - kreuz und quer, dazwischen und rundum. Die Verkürzungen, die er macht, erweisen sich meistens als lange Umwege.
Herr Gutekunst kümmert sich nicht darum, wo die Grenzen der Kunst liegen. Seine Wanderungen sind ganz unsystematisch. Er nimmt nichts mit und hinterlässt auch nichts. Es freut ihn sehr, einen neuen Ort zu entdecken,  auch wenn man ihm danach sagt, er wäre dort schon einmal gesehen worden.
Auf der Landkarte der Kunst haben für Herrn Gutekunst auch Begriffe, Systeme und Manifeste ihren Platz.  „Dort kannst du dir sie ruhig anschauen“, sagt er, „ohne Gefahr, sie werden etwas von dir verlangen“.
Aus den unterwegs gemachten Notizen möchte er irgendwann einen Reiseführer zusammenstellen. Er meint, das wäre die sinnvollste Anwendung einer Theorie.

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Zu den theoretischen Aussagen zählt Herr Gutekunst auch solche wie den Satz aus einer klassischen Filmkomödie: „Wenn du jetzt laut sagst, was du denkst, dann erwürge ich dich!“

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„Ich habe ein Haus gemalt, das wie ein Berg aussieht“, erzählt ein Maler Herrn Gutekunst, „und dann kommt jemand zu mir, und fragt, was das sei. Vielleicht - obwohl ich es für unwahrscheinlich halte - kann er tatsächlich nichts auf dem Bild wiedererkennen. Aber ich kann ihm doch nicht sagen, ich hätte ein Haus gemalt, das wie ein Berg aussieht!“

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„Es überrascht dich“, fragte Herr Gutekunst seinen Freund,  „was Künstler über ihre Werke sagen? Dass sie, wie es scheint, gegen die eigene Kunst reden? Vielleicht wollen sie dadurch allzu einfachen Deutungen widersprechen, auch wenn diese scheinbar offensichtlich sind? Denn es wäre viel schlimmer, wenn Deutungen für immer feststehen. Lieber die Spuren verwischen, falsche Fährten legen, in die Irre führen. Die Künstler sagen also irgendetwas, meistens für das Werk Unwichtiges, wie: ‚Ich habe mich immer besonders für das Hässliche interessiert‘, oder: ‚Ich liebte es als Kind, mich zu verkleiden‘, oder: ‚Ich schätze den Duft der Farben über alles‘.
Übrigens, die Künstler wissen auch, dass sie eigentlich nicht imstande sind, ihre eigenen Werke zu erklären. Das wäre etwas Endgültiges, Verbindliches. Ein Interpret - ein Kunstkritiker, ein Kunstbetrachter - er darf irren. Der Künstler - nicht. Er ahnt, dass das Werk klüger sein kann als er.“
„Manchmal aber sind diese ‚irreführenden‘ Aussagen, wie Sie sie bezeichnen, einfach zu dumm, oder nur arrogant.“
„Das ist wahr. Es gibt jedoch nicht nur dumme Künstler-Sprüche, sondern auch dumme Werke! Und - dumme Betrachter, die das eine von dem anderen nicht unterscheiden können.“

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„Ich weiß nicht, was Kunst ist. Gestern wusste ich es, eine Stunde lang, dann aber habe ich überlegt, dass man alles auch von der anderen Seite sehen sollte. Und die Gewissheit war wieder verschwunden. Man sollte es also lassen. Oder“, Herr Gutekunst grinste, „sollte man so tun, als ob diese Kunst-Frage doch entschieden worden wäre, und der alles-erklärende-Satz tatsächlich irgendwo, vielleicht oben, in den Sternen geschrieben stünde. Für alle Zeiten. Man weiß nur nicht, und wird es nie wissen, wie er lautet. Aber er ist da.“
„Dadurch werden Sie aber nicht klüger.“
„O doch - ich muss immer daran denken, dass ich mich möglicherweise irren kann.

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Herr Gutekunst sitzt auf einer Bank auf dem Marktplatz neben zwei alten Herren und belauscht ihr Gespräch:
Sagt einer: „Gestern habe ich bei ‚Agamemnon‘ von Aischylos geweint“.
Darauf der zweite: „Was redest du! Ich fühlte mich bei Aischylos großartig!“
Darauf lacht der erste: „Das eine schließt doch das andere nicht aus!“

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„Da wir gerade über historische, ästhetische und physiologische Aspekte der Synthese der Künste reden“, sagte Herr Gutekunst in der Runde,  „erinnere ich mich an die Geschichte eines Saxophonisten, der sich in der Melodie eines Songs immer wieder irrte, weil er, wie er sagte, den Text vergessen habe“.

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„Angenommen“, sagte bei einem Spaziergang mit Herrn Gutekunst sein junger Freund, „dass sich ein beachtlicher Anteil aller Informationen innerhalb einer unbestimmten Zeitspanne als überflüssig erweist oder sogar bereits überflüssig produziert wurde, stellt sich die Frage, was mit den Informationen geschieht, sofern man sie als Ganzes einer Art von ‚Energieerhaltungssatz‘ unterzieht. Es wäre plausibel, dass aus der Gesamtheit der falschen Auskünfte, Spekulationen und müßigen Gedanken in einer Parallelwelt gigantische Roboter geboren werden, die - da überflüssige Informationen ja auch zu einem Großteil eher ideell bedingt sind - weitgehend damit beschäftigt sind, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen.“

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„Versuchen Sie einfach“, unterbrach Herr Gutekunst einen lebhaften Streit über die Überlegenheit des Realismus bzw. der Abstraktion, „statt in Gegensätzen in Ähnlichkeiten zu denken. Nicht zwei Pole, sondern eine gemeinsame Achse werden Sie dann sehen. Und auf dieser Achse haben Sie das, worüber Sie streiten, stets im Blickkontakt: Der Mensch und seine metaphysischen Gefühle.“

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„Es gibt doch eine Grenze zwischen Kunst und Leben, sonst…“ Herr Gutekunst schien zu beobachten, wie sein unvollendeter Satz in der Ecke des Zimmers verharrte.

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„Heute im Zug“, erzählte Herr Gutekunst, „saß ich einem Mann gegenüber, der in einem Buch las. Wie ich. Für einen kurzen Augenblick konnte ich den Umschlag seines Buches und den Titel sehen. Ich bemerkte, dass er seinerseits auf mein Buch neugierige Blicke warf. Also hob ich es ein bisschen, unauffällig, wie ich dachte, damit der Umschlag von ihm gesehen werden konnte. Ich musste aber gleich an Hunde denken, die sich in der Straße beschnuppern… Ich las Platon, er - Wittgenstein.“

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„Manche Geschichten lassen sich nicht bis zum Ende erzählen… Und wie sie angefangen haben, das ist ebenso schwer herauszufinden“, sagte Herr Gutekunst vor einem Bild, das den Kampf Jakobs mit dem Engel darstellte. 

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„Denk daran, dass das Bild, das du jetzt betrachtest, irgendwann erst angefangen war, oder es war halb fertig, oder noch ohne Datum und Signatur“.

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„Die Dinge, die andere benutzen. Sie halten sie in Händen, berühren sie, tragen sie auf dem Körper … Jemandes Schuhe anziehen. Oder sich das denken“.

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Der Mann aus dem Billboard starrte Herrn Gutekunst an, der an der Haltestelle auf die Straßenbahn wartete.
„Na ja, du hast das Paradies verloren“, sagte der Mann in der langen Pause zwischen zwei Zügen an der Zigarette Marke Davidoff.

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Herr Gutekunst erzählt über seine persönliche Begegnung mit Film:
„Mein Freund kam zu mir mit einem Filmregisseur. Er war vor allem sehr an meiner Wohnung interessiert, sie sei genau so, meinte er, wie er es für eine Szene in seinem neuen Film brauche. Nicht besonders begeistert willigte ich endlich ein: wenn sie möchten, dann sollten sie bei mir drehen… Die Wohnung wurde daraufhin genau abgemessen und abfotografiert.
Nach ein paar Monaten rief mich der Regisseur an:  Man habe doch entschieden, sagte er, statt bei mir zu drehen, meine Wohnung im Studio nachzubauen. Um meine Enttäuschung, sagte er, etwas zu lindern, lud er mich zum Drehtag ins Filmstudio ein.
Ich war noch nie in einem Filmstudio gewesen, ging ich also gerne hin.
Es überraschte mich und beeindruckte, wie sie genau den ganzen Raum kopiert haben! Nur einzig das Bett war viel größer geraten.
Ein Paar kam ins Zimmer. Er ist Ihnen  sogar ähnlich, finden Sie nicht? -  scherzte der Regisseur. Sie entkleideten sich rasch und spielten den Liebesakt. Auf einer Kopie meines Bettes, unter Kopien meiner Bildern.
Die Dreharbeit wurde immer wieder unterbrochen und neu gestartet: Der Regisseur gab neue Anweisungen, der Kameramann versuchte andere Einstellungen, der Licht-Designer probierte verschiedene Tag-und-Nacht-Effekte. Aber der Regisseur war nicht zufrieden. Er fragte sogar mich, ob ich vielleicht eine Idee für die Szene hätte“, beendete Herr Gutekunst seine Erzählung.

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„An einem Tag muss der Mensch verschiedene Rollen spielen“.
„Ich glaube“,  sagte darauf Herr Gutekunst,  „dass es besser wäre, wenn man die Rollenspiele dem Theater überlässt“.

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„Was meinen Sie“, wurde Herr Gutekunst gefragt, „kann wirklich jeder ein Künstler werden?“
„Die Idee wird etwas verdächtig, sobald sie sich einer Utopie nähert.  Denn jede Utopie ist in irgendwas verwickelt,  in verschiedene Perspektiven und Interessen, seien es politische, gesellschaftliche, psychologische - und nicht zuletzt, wirtschaftliche. Ich fühle mich dabei nicht ganz wohl… Aber ich habe denselben Satz auch bei einem anderen Denker gefunden: Jeder, meint er, der ein Gedicht, einen Roman liest, ein Bild betrachtet, ein Musikstück hört, jeder werde in diesem Augenblick ein bisschen ein Künstler. Was der Ein-Bisschen-Künstler dabei empfindet, sei der Stolz, zusammen mit dem Künstler dessen Werk nochmals zu erschaffen. Der Gedanke ist schlicht, aber klar und schön. Die Verteilung der Kompetenzen wird nicht aufgehoben, der intensive Kunst-Rezipient wird zum Künstler, ohne Kunst selbst zu produzieren.“

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„Vor kurzem“, erzählte Herr Gutekunst, „hörte ich von einer bizarren Kunstaktion. Ein Maler hat in der lokalen Presse eine Anzeige veröffentlicht und auch viele Plakate in der Stadt verteilt, in denen er ankündigte, oder vielmehr drohte, seine gesamte Kunstproduktion auf dem Theaterplatz verbrennen zu wollen. Zwei Stunden davor, schrieb er, würden die Bilder zur Schau gestellt, um den eventuellen Interessierten die Möglichkeit zu geben, sie freizukaufen“.
„Das ist doch reine Erpressung!“, rief sein Freund.
„Nun ja“, sagte Herr Gutekunst, „es war zu erwarten, dass man ihn die Bilder, die wohl niemand ihm abkaufen wollte, öffentlich nicht verbrennen lässt! Hätte er aber den Scheiterhaufen der Kunst in seinem Garten anzünden wollen, sollte er bitte auch dort die feuerpolizeilichen Bestimmungen beachten, sagten ihm die Ordnungshüter“.

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„Gibt es zu den Bildern noch irgendwelche Texte?“
„Nein“, sagte Herr Gutekunst.