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SZTABA Herrn Gutekunsts Notizen über den alltäglichen Gebrauch von Bildern und anderen Erscheinungen

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Das dritte Heft

„Es wird von einem Mann berichtet, der im 12. Jahrhundert in einem arabischen Land lebte und ein Mann der Tat war. Obwohl er kein Künstler und auch kein Gelehrter war, schrieb er 43 Kommentare zum Koran, jedes Mal in anderer Schrift und anderer Farbe. Die Kommentare – bestimmt wahre Meisterwerke der Schriftkunst – wollte er aber nicht zur Schau stellen, und verfügte, dass sie nach seinem Tod unter die Kissen in seinem Sarg gelegt werden und somit für immer aus der Welt verschwinden sollten.
Wie verstehen wir heute diese Geschichte, in der Zeit, wo Erfolg und Ruhm so viel bedeuten? Wäre es dann ein Beispiel edlen Verzichts, einer wahren Interesselosigkeit?
Ich glaube“, sagte Herr Gutekunst, „dass wir unsere Auffassung der Interesselosigkeit überdenken sollen. Vor allem müssen wir einsehen, dass dieser Nicht-Künstler, der die für die anderen unsichtbare Kunstwerke schuf, es nicht für sich, für sein irdisches Leben tat, sondern zur Ehre Gottes oder - für sich selbst vor Gott. Wie ein guter Schüler, der, um seinem geschätzten Lehrer zu gefallen, besonders schön die Hefte führt und die Seiten sogar mit Verzierungen schmückt.
Sehr oft entstehen in verschiedenen Kulturen Kunstwerke nur aus ideellen Motiven, nur als eine flüchtige Geste der Reverenz, als eine Verneigung vor einem höheren Wesen oder vor einer Idee. Auch vor einer Idee der Interesselosigkeit, um zu zeigen, dass das, was man macht, nicht des Materiellen wegen geschieht
Also - ganz interesselos ist die Kunst nicht, es gibt nur verschiedene Interessen. Einige wollen Geld und Ruhm, auch die Sammler, die durch Besitz der Kunstwerke sich vor anderen Menschen behaupten wollen. Einige wollen durch Kunst einer Sache dienen und auf eine sofortige materielle Belohnung verzichten, sie investieren geistig in die Kunst. Und einige behalten die Kunst für sich selbst, um einen Augenblick der Freude oder sogar des Glücks zu erleben, den das Verstehen und Empfinden von Worten, Klängen und Formen mit sich bringt. Kann man den Wunsch, diese Augenblicke immer wieder zu erleben, nicht als tiefes Interesse bezeichnen?“

Herrn Gutekunsts Einführung in die Methoden der Kunstbetrachtung

Herr Gutekunst steht vor einer Gruppe von Kindern und versucht, ihnen Bilder zu erklären.
„Seit einigen Jahren könnt ihr schon schreiben und lesen, und es ist für euch eine ganz selbstverständliche Sache. Ihr denkt nicht mehr daran, dass man, bevor man etwas liest, zuerst wissen muss, was die kleinen Zeichen, die Buchstaben, bedeuten. Und auch nicht daran, dass aus den Buchstaben Wörter gebaut werden, aus denen dann Sätze in einer bestimmten Ordnung entstehen. Es ist sehr wichtig, wie man einen Satz baut, weil das die Bedeutung ganz schön ändern kann – mal ist das ein Befehl, mal eine Frage, mal eine Erklärung. Und wenn wir zu einem ganzen Buch kommen, dann ist das Wissen, das wir zum Lesen brauchen, schon eine gewaltige Sache, obwohl wir nicht mal daran denken.
Und wie ist es mit Musik? Eine Melodie, die wir hören, scheint einfach da zu sein. Die, die selbst musizieren, wissen dagegen, dass es so geht wie mit Lesen und Schreiben. Man merkt das, wenn man sich an eine Melodie erinnern will. Man sucht im Kopf nach passenden Tönen: waren sie hoch oder niedrig? Wie waren sie zusammengesetzt? Wie ging es noch mal, dieses Stück? Und wie schnell? Und in welchem Rhythmus? Also ist es auch ein Wissen, das wir im Kopf haben, wenn wir die Musik hören.
Nicht anders ist es mit Bildern, obwohl viele glauben, dass man kein Wissen braucht, um das zu sehen, was man eben sieht. Sie irren sich aber sehr. Was mache ich jetzt mit der Hand? Sind das nur Bewegungen, mal nach oben, mal nach unten, mal gerade aus? Nein, ich zeige etwas mit der Hand, ich sage etwas mit der Hand. Mit ausgestrecktem Zeigefinger will ich euch dazu bewegen, dass ihr in diese Richtung schaut. Und jetzt strecke ich die Hand aus, woraus man sofort erkennt, dass ich jemanden begrüßen will. Aber wie ist es, wenn die Person eine Hand ausstreckt und die andere hinter dem Rücken verbirgt? Wie ihr seht, das Lesen der Zeichen, kann lebenswichtig sein.
Bilder sind aus solchen Zeichen gebaut. Wenn wir diese Zeichen erkennen, dann ist es als ob man in einem Buch lesen würde. Und je mehr wir im Leben gesehen haben, je mehr wir erfahren haben, je mehr dieser Zeichen im Kopf gespeichert sind, desto mehr gibt es in Bildern zu entdecken. Manchmal können diese Zeichen recht kompliziert sein, man versteht sie nicht sofort, wie unbekannte Fremdwörter. Dann muss man nach der Bedeutung suchen, genauso wie man in einem Fremdwörterlexikon nachschlägt. Man erfährt zum Beispiel, dass eine Frau mit verbundenen Augen, mit einem Schwert in einer Hand und einer Waage in der anderen ein Bild der Gerechtigkeit darstellt.
Aber es gibt noch eine andere, zweite Sprache der Bilder, die man eher fühlt als mit dem Kopf versteht. Manche meinen, dass diese Sprache die wichtigste in der Kunst sei, aber ich glaube, dass beide gleich wichtig sind. Diese zweite Sprache besteht aus Farben und aus Formen, und die können unsere Gefühle, unsere Empfindungen, Stimmungen ganz stark bewegen. Die Farben können grell oder gedämpft sein, aggressiv, traurig oder heiter. Die Formen schwer oder leicht, scharf oder weich, klar oder verschwommen, einfach oder kompliziert. Man kann sehr viele Worte finden, die diesen unendlichen Reichtum der Formen und Farben zu benennen versuchen, die Künstler benutzen. Und noch etwas kommt zu dieser zweiten Sprache hinzu: die Musik. Man hört sie zwar in Bildern nicht, man spürt sie aber umso mehr. Die Formen und Farben bewegen sich auf den Bildern ohne sich zu bewegen. Linien wie Melodien, durchziehen die Bilder, Formen tun sich in rhythmische Gruppen zusammen, wiederholen sich wie ein Echo: Die Fläche tanzt in unseren Augen. Und diese Musik können wir in unserem Inneren fühlen, als ob wir selbst ein Resonanzkörper wären“.
Dann begibt sich Herr Gutekunst mit den Kindern in die Ausstellungsräume. Sie erzählen sich die Geschichten, die sie auf den Bildern sehen. Und die Kinder sagen: „es ist sooo“ oder „jetzt ist es sooo“, und machen eine Bewegung mit den Händen oder mit dem ganzen Körper, was die Wörter ersetz. Und das macht Herrn Gutekunst ganz glücklich.

Herrn Gutekunsts Einführung in die Kunsttheorie

„Ab und zu pflege ich über die Schönheit nachzudenken“, sagte Herr Gutekunst in der Runde. „Man sollte das Wort hin und wieder verwenden, damit es nicht als Satzfüller verkommt. Use it or lose it, wie die Neuropsychologen über die Funktionen der grauen Zellen sagen. So wie man auch von Zeit zu Zeit darüber nachdenken soll, warum man einen lieben Menschen liebt.
Ich mache es noch aus einem anderen Grund: aus Freude - vielleicht einer naiven - am Denken. Dabei steht hier ,Schönheit' stellvertretend für die gesamte Kunsttheorie. Weil ich diese Denkübungen immer wieder praktiziere, komme ich zu verschiedenen Antworten, und es ist auch gut so.
Man wird dabei sicher nichts Neues entdecken, was man nicht schon gehört oder in Büchern gelesen hat, möglicherweise nur etwas anders formuliert. Aber das ist nicht so schlimm. Denn an erster Stelle geht es mir nicht um die Originalität meiner Schönheits-Definitionen, sondern um den Augenblick, in dem ich darüber nachdenke. Ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären.
Vor einiger Zeit habe ich im Zug ein paar Zeilen notiert, ich schrieb, dass für mich die Schönheit etwas Theatralisches in sich habe, sie sei der Aufzug, der Vorhang, der sich hebt, sie sei die Bühne, die Kulissen und das Licht, wo die Welt inszeniert wird.
Originell war das, wie Sie sehen, nicht. Die Idee gibt es in verschiedenen Varianten, mal als Glanz der Kunst, mal als ihre Aura, mal nüchterner - aber nicht ganz ohne Metaphorik - als die ästhetische Perspektive. Und vor allem, als die große alte Metapher von der Welt als Bühne.
In dem Augenblick, als ich meine Notizen machte, war ich konzentriert und sehr zufrieden, beinah glücklich über das Gefühl, in dem ich mich befand. Als ich die Notizen einige Zeit danach las, war ich enttäuscht. Etwas Wichtiges fehlte, was ich in den Worten nicht mehr fand, und ich wusste nicht mal, was es war! Hatte ich vielleicht versäumt, das Wichtigste aufzuschreiben? Waren meine Notizen nicht präzis genug?
Nein, an Präzision lag es nicht. Ich habe auch keine originellen Ideen vergessen, sie waren einfach nicht da. Ich weiß inzwischen, was es war, das in den Notizen fehlte. Es war der Zustand, in dem ich mich befand, das erlebte intensive Gefühl, etwas Flüchtiges, was doch die Welt öffnet, zu erfahren, dessen Bedeutung, glaube ich, außerhalb jeder Definition liegt.
Es ist nämlich so: Wenn ich einen Satz formuliere, über etwas, was ich konzentriert beobachte, dann geschieht das nicht in einem emotionell neutralen Zustand, sondern in einem Spannungsfeld zwischen dem, was ich benennen will und meinem psycho-physischen Inneren. Die Übersetzung oder Vermittlung zwischen dem Außen und Innen erfolgt auf eine analoge Weise, so wie Klänge auf eine Schallplatte aufgezeichnet werden, oder wie ein Bild auf Filmband kommt.
Es ist wie beim Zeichnen nach Model: Ein Strich auf dem Papier wiederholt die Linie, die Richtung, die Neigung, die man am Objekt beobachtet. Der Strich auf dem Papier ist ein Echo von diesen am Objekt beobachteten „Strichen“. Die Hand nimmt sie analog auf - diese Übersetzung ist physisch, der Zeichner spürt die Linie des Objekts tatsächlich in der Hand. Der Zeichner und sein Model sind miteinander verbunden durch unsichtbare Seile, Arme und Gelenke, als ob sie Teile eines Pantographs wären, dessen Mechanik aus dem Wechselspiel zwischen Geist und Körper besteht.
Dieses Echo von Linien und Formen auf dem Papier hat etwas Musikalisches, Choreografisches in sich. Was in dem Moment der Wiederholung geschieht, ist keine Nachahmung, sondern ein interaktives Zusammenspiel von Außen und Innen, von psychischen und körperlichen Wahrnehmungen, ein Prozess der Verschmelzung, dessen Sinn eigentlich in diesem Prozess gänzlich aufgeht. Dann sagt man mit recht: selbst das Tun, der Weg ist der Sinn der Sache.
Auch beim Denken entsteht dieses einzigartige Gefühl der analogen Verbindung mit der Welt. Wie war dieses Gefühl in meinem Beispiel, als ich an die Theater-Metapher dachte? Habe ich die Bühne der Kunst in mir gespürt? Und das Bühnenlicht? Und den Vorhang, der aufgeht? Und wie kann man es aufzeichnen?
Denkt man über die Schönheit“, schloss Herr Gutekunst seine etwas lange Rede, „dann ist das mehr eine Hommage an sie, als ihre Erklärung.“

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„Die Rhetorik ist ein wunderbares Werkzeug, das uns – wie ein fliegender Teppich – auf der Reise durch die Topografie der Kunst begleitet. Sie ist eine Verwalterin des Depots des Geistes, sie ordnet, verbindet die entlegensten Bereiche. Durch Metapher, Parabel und andere poetische Figuren hilft sie den Erscheinungen zu einem neuen Glanz und eröffnet überraschende Aussichten. Auf der Bühne der Rhetorik, wie in einem virtuellen Theater von Giulio Camillo, treffen zusammen Blumen und Edelsteine, Süd- und Nordinsel, Platon und Wittgenstein, ein Gedicht und ein Telefonbuch. Auch wenn es nur einen Augenblick dauert, erfüllen diese Perspektiven die Versprechung der Einheit der Welt. Auf dieser Bühne ist die Rhetorik immer anwesend: sie souffliert die vergessenen Texte, inszeniert, entwirft Bühnenbilder, mischt Musik und Beleuchtung, und am Ende des Spektakels zieht sie den Vorhang im richtigen Moment herunter.
Aber wehe, wenn die Rhetorik selbst diese Reise kommentiert, wenn sie nach höherem Sinn der Metapher sucht, wenn sie die Möglichkeiten der Bedeutungen erwägt, wenn sie also zum Werkzeug der Problematisierung und Thematisierung wird. Dann verliert sie die Leichtigkeit und den Glanz, den beleuchtenden Blitz - die Figuren geraten in eine Sackgasse, wiederholen sich, spielen unendlich mit Worten, ohne zu merken, dass sie leer bleiben. Die Rhetorik im Gewand der Theorie wird dabei dicker und größer, aber es ist nicht der Sinn, der zunimmt, sondern sie bläst sich auf.
Vor kurzem habe ich ein Gespräch anlässlich einer Kunstaktion gehört. In das Innere einer Synagoge ließ ein Künstler Autoabgase durch Schläuche führen. Die Besucher der Aktion konnten einzeln, mit Gasmasken und in der Begleitung von Feuerwehrmännern den Raum betreten. Bald entwickelte sich das Gespräch zu einer Sprachübung um zwei Worte: ‚darstellbar – undarstellbar‘, eine oft im Kontext dieses schwierigen Themas benutzte Figur. Und es blieb bei der Figur, die das Gemüt zwar lange zu beschäftigen vermag, aber den Grund verschleiert, aus dem sie entstanden ist.
Deswegen“, schloss Herr Gutekunst, „ist es bestimmt vorteilhaft, mit der Rhetorik die Kunst zu erleben, aber schädlich, in ihrer Gesellschaft zu theoretisieren.“

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„In der Kunst sind alle Sachen zwei oder sogar mehr. Eine Polemik, die entsteht, wenn das eine mit dem anderen streitet, ist eine für die streitenden Parteien unbewusste Form der Huldigung an die Vielfältigkeit der Welt“, sagte Herr Gutekunst. „Dieses fast rituelle, schon seit alten Zeiten geführte Streitgespräch, macht eigentlich erst diese Vielfalt deutlich erkennbar.“