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SZTABA Herrn Gutekunsts Notizen über den alltäglichen Gebrauch von Bildern und anderen Erscheinungen

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Das zweite Heft

Um das Tischgespräch zu beleben, schlug die Gastgeberin vor, jeder in der Runde solle seine Liste der besten Filme der Welt vorstellen. Herr Gutekunst fing eifrig an, als erster die Titel seiner Lieblingsfilme zu nennen, die jedoch den meisten in der Tischgesellschaft völlig fremd waren.
„Ich mag auch nicht-kommerzielle Filme“, sagte schüchtern die Nachbarin von Herrn Gutekunst.
 „Und ich“, verkündete die Gastgeberin, „ich mag eben Hollywood, mit großen Geschichten, mit berühmten Schauspielern; ich will etwas anderes erleben als im Alltag“.
Darauf erzählte Herr Gutekunst einen alten Hollywood-Film über einen Filmregisseur, der zuerst die Hollywood-Geschichten tief verabscheute, und der durch einen tragischen Zufall zum schwersten Gefängnis verurteilt wurde. Eines Tages kam ein Wanderkino in die Anstalt und man zeigte Filme mit Mickey Mouse. Die Wärter und die Gefangenen lachten Tränen. Und der Filmregisseur verstand, wie er sagte, dass Kino den Menschen helfen soll, ihr schweres Leben zu vergessen.
Die Eiscreme wurde serviert und man wechselte das Thema.

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„In dieser Ausstellung“, sagte ein Künstler zu Herrn Gutekunst bei einem gemeinsamen Rundgang, „gibt es keine Vision, hier ist alles im Maßstab ,eins zu eins', lauter nüchterne Berichte.  ,So ist es', oder: ,So schlimm ist es', scheinen sie zu sagen“.
Herr Gutekunst weiß nicht ganz genau, was der Künstler mit Vision meint. Vielleicht, wenn die Kunst nichts in die Welt hineinbringt, dann ist sie selbst nur noch ein weiteres Objekt.

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Herr Gutekunst ging in den Weinberg und machte ein Foto von einem auf dem Weg liegenden abgebrochenen vertrockneten Rebzweig. Es würde ihn interessieren, dachte er, wie viel Kilo Weintrauben der Rebzweig in seinem Leben getragen hatte, und wie viele Liter Wein daraus gewonnen wurde.

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„Haben Sie schon von Las Vegas-Kunst gehört?“ – fragte Herr Gutekunst seinen Freund.
„Nein, aber ich glaube, ich kann erraten, was Sie erzählen wollen:  dass die Kunst immer banaler und vulgärer wird. Der Verfall des Kunstverständnisses scheint Ihr Lieblingsthema zu sein.“
Herr Gutekunst ignorierte diese Bemerkung und erzählte weiter: „In einer Mark Rothko Ausstellung standen Leute Schlange vor Meditationsräumen, wie die kleinen Zimmer mit 4 Bildern genannt wurden, nur 4 Personen auf einmal wurden eingelassen. Ich glaube nicht, dass man dort meditieren konnte, in diesen wenigen Minuten gewiss nicht, manche taten zwar so, als ob es möglich wäre: Eine Frau kniete sich sogar nieder und verharrte lange in dieser Stellung umgeben von Rücken und Füßen der wechselnden Betrachter“
„Ich verstehe Sie nicht“, unterbrach ihn sein Freund, „was ist schlecht daran, dass sich viele für Kunst interessieren und sie tief erleben? Was haben Sie gegen die Frau? Passen Sie auf, dass Sie nicht überheblich werden“.

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Ein riesiger weiblicher Torso aus Gips und Pappmaché, grausam verstümmelt, ein Sinnbild des sich immer wiederholenden Verbrechens hing monatelang im Flur des Faches Kunst einer Hochschule. Aus Anlass einer bevorstehenden öffentlichen Veranstaltung wurde diese Arbeit einer Kunststudentin entfernt, was viele Passanten, die täglich an diesem Zeichen des hilflosen Zorns vorbei gingen, als lang erwartete Befreiung von der „ekelhaften Zumutung“ empfanden.
Der Torso, der jetzt auf dem Hof vor der Schule lag, wurde nach ein paar Tagen von Unbekannten, vielleicht von Jugendlichen aus dem Ort, zerstört, das Geschändete nochmals geschändet, hingerichtet.
Im Flur sind andere Studentenwerke geblieben, abstrakte oder figurative Skulpturen auf Podesten, darunter ein Pferd aus Pappmaché, das auf einem „Gerüst“ aus einem Einkaufswagen aufgebaut wurde. Und alle fanden es lustig.
„Ja, ich weiß, was du sagen willst“, sagte Herr Gutekunst. „Dass die alten Meister und Philosophen mit Recht über decorum gesprochen haben, das heißt: alles auf seinem Platz, zu seiner Zeit…“

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Herr Gutekunst ging am Sonntag zu einer Ausstellungseröffnung im Rathaus. Es stand auf der Einladung, dass nach der Einführung durch einen Kunsthistoriker und nach ein paar Musikstücken für Harfe eine gemeinsame Malaktion stattfinden sollte.
Am Markt vor dem Rathaus spielte laut eine Jazz-Kapelle, Kinder liefen hin und her und die Erwachsenen tranken Bier.
In dem Raum war es still, der Lärm blieb hinter der doppelten Glastür. Das Vernissage-Publikum stand versammelt um eine große weiße Leinwand auf der Staffelei, voll konzentriert, mit ernsten, feierlichen Mienen. Die Freiwilligen traten vor, machten frohe bunte Kleckse auf die Leinwand und am Ende der Aktion ergänzte der Künstler selbst das kollektive Werk mit eigenen Schluss-Klecksen.
Herr Gutekunst spürte ein starkes Bedürfnis, sofort die Jazz-Kapelle draußen  hören zu müssen.

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Herr Gutekunst betrachtet eine Abbildung in einem Buch über Marcel Duchamp. Es zeigt einen kleinen Vogelkäfig, weiß bemalt, mit 152 weißen Marmorwürfeln, einem Thermometer, das zwischen den kleinen Kuben steckt und ihre Temperatur misst, und mit einer Sepiaschale, die zwischen den Stäben des oberen Gitters klemmt. Das Objekt ist unten beschriftet: „Why not sneeze, Rrose Selavy?“. Die Kommentatoren, so kann man in dem Buch nachlesen, seien nicht sicher, was das ganze bedeuten solle. Vielleicht geht es um ein trompe l'oeil? Um eine Täuschung? Man wird irregeführt: man denkt, die Kuben seien Zuckerwürfel, aber sobald man das Ding in die Hand nimmt, (sagen diejenigen, die es in die Hand nehmen durften), erlebt man eine Überraschung - der Käfig wiegt viel, viel mehr als man erwartet hatte! Wollte Duchamp also ein Kunststück machen, das die Gäste amüsieren sollte?
Die Frau, die es für 300 Dollar bestellt hatte, war über das Werk überhaupt nicht amüsiert. Entsetzt überreichte sie den Käfig ihrer Schwester, einer Kunstkennerin und Bekannten Duchamps, der das Objekt ebenso missfiel und sie gab es ihm zurück. Warum? Waren die Frauen vielleicht beleidigt, weil der Künstler das Werk mit seinem weiblichem Pseudonym „Rrose Selavy“ signierte?
„Glaube ich nicht.“, sagte Herr Gutekunst.  „Ich denke, sie waren beide beleidigt aus ganz anderem Grund. Vor kurzem habe ich ein holländisches Bild aus dem 17. Jahrhundert gesehen. Das Bild zeigt eine Szene mit einer jungen Frau und ihrer Dienerin; an der Decke hängt ein Vogelkäfig - er ist leer, die kleine Tür steht offen. Der Vogel ist weggeflogen! Was in der Symbolsprache dieser Zeit hieß: die junge Frau hat ihre Unschuld verloren - sie hat gevögelt.
Der Käfig von Duchamp ist aber geschlossen. Man findet dort  keinen Vogel, sondern nur Überreste eines kalten Meereswesens. Beim Versuch, den Käfig zu verlassen, ist die Sepia vor langer Zeit zwischen den Stäben stecken geblieben, nur die Schale ist da.  Die Marmorwürfel sind glatt, schwer und kalt, sie erinnern sowohl an Eis- wie an Zuckerwürfeln…. Es wundert mich überhaupt nicht“, schloss Herr Gutekunst, „dass sich die beiden Schwestern so geärgert haben“.

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„Die Mode ist ein Schutzmittel gegen die Angst vor der Vergänglichkeit. Die Mode lässt die Vergänglichkeit, das Zeitliche - die Vanitas - als etwas Angenehmes erleben. Und vor dem Angenehmen haben wir doch keine Angst.
Nach einer Kunst kommt eine neue. Die Farben bleichen aus, das Material fällt auseinander, das Werk wird unwiderruflich alt. Ars brevis … vita brevis. Statt des Entstehungsdatums sollte man das Verbrauchsdatum in die Werk-Urkunde schreiben. Lang wie das Leben. Kurz wie eine Jahreszeit.
Das wird das Thema unseres nächsten Symposiums“, sagt Herr Gutekunst. „Die Kultur der Vergänglichkeit. Oder: vom Friedhof zum Kühlschrank.“

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„Also bin ich doch durch die Kunst geformt“, sagte Herr Gutekunst leicht überrascht. „Nie gelingt es mir ganz, mich mit Leuten, die durch die Kunst nicht geformt sind, zu verständigen. Ich fühle mich etwas verlegen in der Gesellschaft von Leuten, die eben nicht durch Kunst geformt sind. Man findet aber die Geformten nicht so oft, abgesehen von den Charakteren in Büchern, Filmen, Theaterstücken und Bildern, die dann andererseits von dem ungeformten Leben keine Ahnung haben …“.

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Herr Gutekunst betrachtete sich aufmerksam im Spiegel, als ob er in seinem Gesicht Buchstaben, Noten, Formen und Farben zu entdecken erwartete.

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Zu seinen Studenten, die später in die Schulen des Landes ziehen werden, um Kinder ästhetisch zu bilden, sagt er: „Seien Sie bessere Künstler als Lehrer“.
„Gewiss, die Macht der Lehrer ist groß“, sagte dazu Herr Gutekunst. „Alles, was wir über Kunst wissen, auch dass es sie überhaupt gibt, haben wir irgendwann erfahren, aus vielen Quellen zusammengestellt, mehr oder weniger individuell. Und weil heute selbstkorrigierende Mechanismen in der Kunst schwach oder gar nicht funktionieren, ist die Gefahr eines sich wiederholenden und verbreitenden Fehlers ständig groß. Ganze Generationen werden deswegen von seltsamen Kunstbegriffen begleitet.
Ist der Kunstlehrer vor allem ein Künstler, dann kann ihm gelingen, einfach mit dem Finger darauf zu zeigen, was er als Kunst versteht. Wäre er vor allem Lehrer, würde er nicht versäumen zu erklären, was Kunst sei.
Man kann zwar auch mit dem Finger in die falsche Richtung zeigen, der Künstler hat aber noch eine zweite Hand“.

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Auf dem Foto schlägt ein Mann einen Purzelbaum vor einer Skulptur von Maillol in einem Park. Das Foto wurde aufgenommen für die neue Ausgabe einer Kunstzeitschrift, die dem Thema „Kunst und Sport“ gewidmet war. Ursprünglich, erzählt der Redakteur, wollte man Aufnahmen in einem Museum machen, was aber an der Einstellung der Museumsverwaltung scheiterte. Er zeigt Herrn Gutekunst den Brief, in dem steht, dass das Museum für die Fotoaufnahmen zum Thema „Sport vor Kunst“ keine Genehmigung erteilen wird. „Sport vor Kunst!“, wiederholt spöttisch der Redakteur.
„Na ja“, sagt Herr Gutekunst, das Foto betrachtend.

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„Ich verliere keine Zeit mit Büchern – mit Romanen, meine ich – und auch mit Spielfilmen nicht. Mit Spielfilmen vor allem nicht. Ich sehe mir nur Dokumentationen an - über Politik oder über die Natur“.
„Seltsam“, sagte Herr Gutekunst zu dieser neuen Meinungsverschiedenheit mit seinem Freund, „was wüssten wir über das Leben, wenn es nicht einmal erzählt worden wäre?“
„Glaubst du, dass nur in Filmen und Büchern das Leben erzählt wird? In der Politik  findest du die besten Erzählungen! Keine Fiktion, keine Erfindung! Und in der Natur hast du doch die vollkommenste Geschichte über das Leben. Sich paaren, gebären, fressen, und hoffen, nicht gefressen zu werden“.
„Ja, gewiss. Ich war einmal im Zoo, mit meiner Frau, meinem kleinen Sohn und meiner jungen Nichte. Wir beobachteten eine Affenfamilie. In der Mitte saß der Chef, an dem Familienleben sichtbar uninteressiert. Plötzlich, einfach so, fing er an, sich selbst zu befriedigen … Wir, nicht die Affen, guckten zu, ich, meine Frau, mein Sohn und noch ein Dutzend Zuschauer, ohne etwas zu sagen, mit ziemlich verlegenden Grinsen. Nur meine Nichte hat sich kaputt gelacht.  Aber was erzähle ich denn da?“

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„Mein Freund sagte, nachdem er ein von mir geliehenes Buch gelesen hatte, das Buch sei zwar nett, ganz nett sogar und angenehm, aber eigentlich müsste es nicht sein, es könnte das Buch so gut wie nicht geben. Es hat mich überrascht, dass einem von mir geschätzten Werk die Existenzberechtigung entzogen wurde. Aber ich musste zugeben, dass auch ich, und nicht nur einmal, in dieser Weise Bücher, Filme oder Bilder als überflüssig verurteilt hatte. Die moralischen Gründe, mit denen ich mein Urteil zu rechtfertigen versuchte (Grausamkeit, Dummheit, leere Unterhaltung), ändern wohl nicht viel an der extremen Art dieser Ablehnung.
Es ist einfacher, das Urteil über Kunst in einem menschenleeren, abgegrenzten, persönlichen Raum zu fällen: Ich und das Werk. Die anderen bleiben als potentielle, anonyme Betrachter und das Urteil bekommt dadurch den Schein der Allgemeingültigkeit.
Erst mit den anderen, die ich kenne, die das Persönliche ins Spiel bringen, wird dieser Raum subjektiv. Aus Kunstbetrachtung wird Menschenbetrachtung. Manche versuchen, in dieser Konfrontation ihre Macht auszuüben, nicht wenige verbergen sich dabei hinter dem Kompetenzanspruch.
Und das ist der Alltag der Kunst, zu dem nicht nur meine Meinung, meine Empfindungen gehören, sondern auch die nicht selten schmerzliche Erkenntnis, dass ich die Meinungen und Empfindungen der anderen nicht verstehe.“

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Nachdem Herr Gutekunst sich um das ästhetische Dasein der in seinem Verantwortungsgebiet liegenden Räume gekümmert hatte, ging er spazieren.