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SZTABA Herrn Gutekunsts Notizen über den alltäglichen Gebrauch von Bildern und anderen Erscheinungen

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Das vierte Heft

„Ich erwarte nicht viel“, sagte ein Künstler, der eine Kunstgruppe in einer geschlossenen Haftanstalt leitet. „Ich möchte den Leuten vor allem eine Grundausstattung der Bildung zeigen. Vielleicht können sie damit was anfangen... Ich weiß, dass viele zu dieser Kunststunde nur deswegen kommen, weil sie eine Abwechslung bietet.“
„Aber die Kunst kann doch etwas mehr bewirken“, widersprach eine Kunstpädagogin.
„Ich erinnere mich“, sagte darauf Herr Gutekunst, „an eine Kunstaktion von Jochen Gerz. Er stellte im Internet die Frage, was man machen würde, wenn die Kunst die Macht hätte, die Welt zu verändern?“
„Ja, eben“, sagte die Kunstpädagogin, „darum geht es: um Verändern, Erweitern, neue Perspektiven Geben!“
„Nach wie vor bin ich der Meinung“, setzte Herr Gutekunst seinen Gedanken fort, „dass es klüger wäre, auch auf diesen Machtanspruch zu verzichten.“

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„Die Frau Kunst, diese schöne Gestalt aus alten Allegorien, bleibt in der Köpfen aller Kunstliebhaber ein immer noch sehr lebendiges Sinnbild für ihre Kunst-Sehnsüchte, obwohl man doch wissen müsste, dass diese Art bildhaften Denkens die kunsttheoretischen Betrachtungen in eine gefährliche Sackgasse führt.
Aber die Liebhaber ignorieren die nüchternen Gesetze der Wissenschaft, auch diejenigen von ihnen, die zu den Gesetzgebern gehören. Diese Liebe wird als Antrieb des Kunstkraftfeldes unterschätzt, sie kann sehr tief, sehr gewaltig, manchmal auch krankhaft sein. Aus Liebe zu der Frau Kunst werden viele blind - und eifersüchtig! Die Eifersucht befällt gleichermaßen Sammler, Museumsleute, Professoren, Dozenten, Kunstkritiker, Künstler und das leidenschaftliche Kunstpublikum.
Der Liebende muss den Beweis der Liebe einseitig bringen, denn die schöne Frau Kunst bleibt ihrerseits stumm und erwidert keinesfalls die Liebesdeklarationen. ,Ich bin ihr ganz nah', erklärt der Liebende, ,niemand versteht sie so gut wie ich, sie vertraut mir ihre Geheimnisse an, nur ich verdiene wirklich diese Liebe. Was die anderen über sie sagen, ist ganz falsch.Sie zu verstehen ist eine Kunst, sie ist doch so zart, so kompliziert, so vielschichtig, nichts für Banausen'.
Diejenigen, die diesen Liebesbeweis auch in schriftlicher Form vorzulegen vermögen, schreiben öffentliche Liebesbriefe in Form von wissenschaftlichen Abhandlungen, in denen nebenbei die Nebenbuhler niedergemetzelt werden. Die weniger sprachbegabten, die dem Druck der gewaltigen Liebe nicht Stand halten können, werden selbst gewalttätig. Aus Verzweiflung werden sie zu Kunst-Mördern - mit einem Hammer, einem Messer oder mit Säure vernichten sie das undankbare, unerreichbare Objekt der Begierde
Und es versteht sich, dass es neben dem Liebenden auch die Liebende gibt. Den Platz der Muse nimmt dann vielleicht Apollo ein.“

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„Während der Zug an einer S-Bahn-Haltestelle stand, betrachtete ich aus dem Fenster ein Riesenposter, das für das Südsee-Paradies warb: Ein junges Paar lief über den Strand ins Meer. Beide hatten den Alltag hinter sich gelassen, die hastig hingeworfenen Kleidungsstücke lagen im Sand, darunter auch zwei merkwürdige Objekte, zwei Masken, die wohl die alten Gesichter der beiden darstellen und auf ihre alte Haut aus der vorparadiesischen Zeit hinweisen sollten. Die Flüchtlinge des Alltags haben ihre Gesichter einfach wie Kleider abgelegt.
Was aber passiert“, setzte Herr Gutekunst fort, „wenn das Paar nach dem Badegenuss zurückkommt? Lassen sie die Kleider und die alte Haut einfach liegen? Besorgen sie sich neue? Ziehen sie die alten doch wieder an? Oder kommen sie etwa überhaupt nicht mehr aus dem Paradies zurück?!!!
Wie Sie sehen“, Herr Gutekunst wandte sich an seine Zuhörer, „muss man sehr aufpassen, wenn man mit Bildern spielt. Nicht immer sind die Effekte der Bilderfusion vorauszusehen.“

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„Das Denkmal für die III Internationale (1919-1920) von Wladimir Tatlin habe ich oft auf Fotos gesehen, aber erst vor kurzem richtig, auf einer anonymen Aufnahme, derer Autorin oder Autor ich sehr dankbar bin“, sagte Herr Gutekunst und schlug eine Kunstzeitschrift* auf. „Durch die Beleuchtung, den Blickwinkel und durch die Wahl der Brennweite zeigt das Foto etwas, was ich bisher übersehen habe. Sie können es selbst mit dem alten Foto aus Tatlins Zeit vergleichen: alles scheint dasselbe zu sein, nur die Betonung ist anders. Man sieht es besonders deutlich bei dem rechten, stärksten Pfeiler: Hier fängt die diagonale Konstruktion an, hier ist die Idee des Werkes verankert. Um diese Stütze, wie um ein Rückgrat, dreht sich die Spirale nach oben. Das Monument ist, wie man treffend in dem Text schrieb, halb Achterbahn, halb Raketenabschussrampe.
Auf dem neuen Foto steht dieser Fuß etwas im Schatten, und dadurch wirkt er schwerer, stabiler, stärker, er ist nicht nur ein tektonischer Stabilisator, nicht nur ein Bügel, um den sich die innere Spirale wickelt, sondern gewinnt an eigener Bedeutung. Von ihm geht ein Bogen aus, der den Anfang einer Arkade bildet. Man sucht nach einem Pfeiler auf der anderen Seite, der den Bogen abfangen sollte, aber man findet ihn zunächst nicht. Erst nach einer Weile bemerkt  man die fehlende Stütze im Wirrwarr der vom Licht durchfluteten Formen. Die Stütze ist da, obwohl nur virtuell anwesend, als Schatten, als Erinnerung an etwas, was Tatlin ein paar Jahre zuvor gesehen hatte.
Durch eine minimale optische Verschiebung der Akzente auf dem Foto wird diese Erinnerung wach: der Fuß gehört zu einem anderen berühmten Monument, das in der damaligen Hauptstadt der Kunst, in Paris, steht, und wo die großen Meister Tatlins lebten. 1913 besuchte er Paris und dort sah er den anderen Turm - den Eiffelturm - der in seinem versteckt ist
Was bedeutet es, dass der Pariser Turm in einem Denkmal der neuen Revolution anwesend ist? Wollte Tatlin etwa zeigen, dass das revolutionäre Denken schon vor der Oktober-Revolution angefangen hat?“, sagte Herr Gutekunst, „ich weiß nicht, ob das, was ich Ihnen jetzt erzähle, nicht längst bekannt ist.. Für mich war diese Entdeckung, wie andere kleinen Entdeckungen, sehr wichtig. Als ob ich mit Tatlin am Tisch säße, Wodka tränke, und seiner Geschichte zuhörte.“
*„Art“, Nr. 2 /2006, S. 65

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„Vielleicht ist es doch so“, sagte Herr Gutekunst, Bilder eines jungen Künstlers betrachtend, „wie die Alten ganz am Anfang der Geschichte der kunsttheoretischen Beobachtungen behaupteten: Dass der Künstler eine Art Medium ist, das die aus dem Äther empfangenen Bilder weitergibt. Er befindet sich, sagten sie, in einem Zustand der Extase, er kommuniziert unvermittelt mit Göttern und sieht mehr als wir.
In der modernen Ausgabe dieser alten Idee ist der Künstler eine Art Antenne, ein Bildermelder, eine Bild-Alarmanlage: Erscheint ein Bild in der Reichweite seiner hochsensiblen künstlerischen Sensoren, wird es sofort in seinem Kopf virtuell eingescannt und im Ordner ,Neue Bilder' gespeichert. Aus diesem Material stellt er Kompositionen zusammen, die an das Lallen der heiligen Idioten erinnern. Wenn du dich anstrengst, dann kannst du solche Bilder als Zeichen des globalen Welt-Durcheinanders deuten. Aber, merke es dir, du wirst dort keine Vision, keine Utopie, nicht einmal eine negative finden, auch keinen erhobenen Finger, der dir eine Richtung zeigt und auch nicht das Pathos und die Erhabenheit der direkten Kommunikation mit dem ‚Höheren Wesen‘: Das Medium hat nicht vor, jemanden zu belehren“.
„Das erinnert mich“, bemerkte sachlich Herr Krämer, „an das Zappen durch TV-Programme. Ein Künstler ist dann derjenige, der im Kopf mehr Programme auf einmal aufnehmen kann, als die anderen. Er registriert und gibt die Bilder zappend weiter.“

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„Ich habe heute Morgen, genau gesagt zwischen 6 Uhr 36 und 6 Uhr 38 eine bemerkenswerte Performance erlebt“, erzählte Herr Gutekunst. „Ich wartete auf meinen Zug, auf dem Bahnsteig befanden sich schon mehrere Leute. Nicht weit von mir entfernt stand eine junge, blonde Frau, deren Verhalten meine Aufmerksamkeit anzog. Sie schien zu versuchen, mit jemandem auf dem gegenüber liegenden Bahnsteig Kontakt aufzunehmen. Sie lächelte der Person zu, gab sich zu erkennen mit kleinen aber deutlichen Gesten der Hände, dann schüttelte sie leicht den Kopf, um ihre Verwunderung darüber zu zeigen, dass ihr Versuch immer unbemerkt blieb. Ich blickte auf die andere Seite: ein paar Leute, denen die Gesten der Frau gelten konnten, standen da, bewegungslos, und alle schauten weg. In ihrer Mitte eine junge Frau, mit schwarzem Haar und schwarz gekleidet, war am stärksten mit dem Wegschauen beschäftigt. Dann kam der Zug, zog den Vorhang zwischen Publikum und Schauspielern auf beiden Bahnsteigen und beendete die Mini-Szene.“
„War das inszeniert?“
„In dem Augenblick wusste ich es nicht. Aber jetzt glaube ich, dass es doch gespielt war. Beim Einsteigen bemerkte ich noch einen jungen Mann, der den Bahnsteig fotografierte, und ich bin mir fast sicher, dass er auf dem Bild auch die Uhr und Anzeigetafel haben wollte. Vielleicht um von dem Flüchtigen eine Spur zu behalten.“

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„Das ist zwar sehr schön, aber eigentlich viel zu schön, um wahr zu sein“, sagte eine Kunstkritikerin vor der Glasvitrine mit kunstvoll arrangierten Objekten aus fernen tropischen Ländern.
„Diese schönen Objekte, bei denen Sie die Wahrheit vermissen, sind wie Schauspieler, die nach dem Spiel die Bühne verlassen haben. Sie tragen noch ihre Masken und Kostüme, und wir, die zu spät gekommen sind und das Theaterstück nicht gesehen haben, können nur die Schauspieler in ihren Bühnenkleidern bewundern - und uns vielleicht vorstellen, wie das ganze Stück auf der Bühne ausgesehen hat.
Denken Sie übrigens an eine mittelalterliche Madonna: einmal in einem Museum der alten Plastik und einmal in einer Kirche, im Kerzenlicht und im Weihrauch“.

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Plötzlich fiel die Sonne in das Innere der Kathedrale und warf an die Wand des hohen Schiffes die Schatten der gotischen Fenster.
„Ich bin zu langsam mit meiner Kamera“, sagte enttäuscht Herr Gutekunst, der gerade sah, wie die Schatten zweier Vögel durch die Schatten der Fenster flogen.